Apr 172011
 

Im Raum E 700 des Paul Löbe Hauses des Bundestages in Berlin fand am 15. April eine Informationsverstaltung zur unkonventionellen Gasförderung statt. Im gleichen Raum fand 10 Tage zuvor die Sitzung des Umweltausschusses statt, bei dem Umwelt- und Wirtschaftsministerium die Lobby-Blätter der Öl- und Gasindustrie als wissenschaftlich aktuelle Informationen anpriesen.

Mehrere Bundestagsabgeordnete, unter anderem Kathrin Vogler (MdB, Partei „Die Linke“) aus dem Nordwalde benachbarten Emsdetten, nahmen an der auf Einladung von Johanna Voß (MdB, Partei „Die Linke“) organisierten Veranstaltung teil. Aus dem Europaparlament war Sabine Wils (MdEP, „Die Linke“) zu Gast. Als Diplom-Chemikerin und ehemalige Mitarbeiterin der Hamburger Umweltbehörde war sie über die Beschreibung des Hydraulic Fracturing Verfahrens entsetzt.

Mit der Beschreibung des Hydraulic Fracturings in den USA und einem Vergleich mit der aktuellen Situation in Deutschland begann auch die Veranstaltung. Neben zahlreichen Berichten über konkrete Folgen in Australien, Kanada, den USA, aber auch Deutschland wurden die momentan laufenden oder in Vorbereitung stehenden Moratorien gegen das weltweit umstrittene Hydraulic Fracturing Verfahren vorgestellt.

Christa Hecht, Geschäftsführerin der Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft (AöW) machte deutlich wie gefährlich der Einsatz von hochgiftigen Chemikalien in der Nähe von Grund- und Trinkwasser ist. „Wasser ist unsere wichtigste Resource“. Der Mensch stirbt in wenigen Tagen, wenn er kein Wasser mehr hat. Ganz Deutschland verfüge momentan über ausreichend Trinkwasser aus Oberflächen- und Grundwasservorräten. Doch durch das Hydraulic Fracturing sind diese Vorräte akut gefährdet. Selbst wenn die Bohrungen in großen Tiefen stattfänden, könnte nicht ausgeschlossen werden, dass durch natürliche und künstliche Rissbildung belastetes Wasser und unerwünschte Stoffe in Trinkwasser gelängen. Auch die Verdünnung und Entsorgung von Frackwasser, wie in Nordrhein-Westfalen bereits geschehen, sieht sie kritisch.

Die Disposalbohrungen, also die Verpressung der mit Salzen, radioaktiven Isotopen und Chemikalien belasteteten Abwässer im Untergrund, hält sie für extrem gefährlich. Sie verwies auf ähnliche Aktivitäten in Thüringen aus dem letzten Jahrhundert. Dort entsorgte die Kali-Industrie ihre Abwässer in 400 bis 500 Meter Tiefe. Die Abwässer treten seit dem an allem möglichen Stellen wieder aus und belasten das Grund- und Trinkwasser bis zu Unbenutzbarkeit.

Auch für das Hydraulic Fracturing und die Gasindustrie gilt das Vorsorge- und Nachhaltigkeitsprinzip beim Wasserschutz.

„Maßnahmen sind zu unterlassen, die potentiell gravierende Schäden hervorrufen können, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts niedrig und das Risikopotential noch unbekannt ist.“

Die Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft vertritt die öffentlich- rechtlichen Einrichtungen und Unternehmen der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, der Wasser- und Bodenverbände sowie des Flussgebietsmanagements vor der Politik in Berlin. Nach dem oben zitierten Vorsorgepotential haben diese Verbände bereits nach dem geltendem Recht die Möglichkeit gegen die Anwendung des Hydraulic Fracturings einzuschreiten.

Auch Rechtsanwalt Dirk Teßmer sah das im letzten Teil des Vortrages ähnlich. Auch wenn das Bergrecht in seiner geltenden Form keine Umweltverträglichkeit vorsieht: Wenn das Risiko nicht abschätzbar ist, dass durch die Einleitung von Chemikalien, die nachfolgende Entsorgung der Abfälle, die Ewigkeitsschäden im Untergrund und die Folgeschäden durch austretendes Methan und Lagerstättenwasser in Trinkwasser führende Schichten entsteht, können die unteren Wasserbehörden ihre Zustimmung verweigern.

Stefan Henrichs von der IG „Gegen Gasbohren“ in Drensteinfurt berichtete dann noch über die Arbeit der Interessengemeinschaften vor Ort. Deutlich beschrieb er, wie wichtig den Menschen vor Ort der Schutz ihres Trinkwassers ist und das die Interessengemeinschaften ihre Arbeit weiter fortsetzen werden. Von den Teilnehmenden der Veranstaltung bekamen die Westfalen einen Sonder-Applaus für ihre Motivation bei den Protesten „Gemeinsam stoppen wir Fracking“ am 7. April 2011.

Deutlich wurde auch, dass in Berlin noch viel Aufklärungsarbeit über die Risiken und möglichen Folgen der unkonventionellen Gasförderung notwendig ist. Minister Brüderle vom Wirtschaftsministerium und Minister Röttgen vom Umweltministerium blieben der Veranstaltung fern oder gaben sich nicht zu erkennen.

  4 Antworten zu “Berlin: Informationsveranstaltung zur unkonventionellen Gasförderung im Bundestag”

  1. Einschätzung von Oliver Krischer (Grüne MdB) zur Lage im Bundestag:

    Zitat:

    Während die CDU-Fraktion im Landtag NRW radikale Forderungen stellt, schweigt der NRW-Landesvorsitzende und Bundesumweltminister Röttgen, während Herr Brüderle und die CDU-Bundestagfraktion jeden Fortschritt für den Schutz von Mensch und Umwelt verhindern.

    http://oliver-krischer.eu/detail/nachricht/bundesregierung-unkritisch-zu-unkonventionellem-erdgas.html

    • Wahltag ist Zahltag…

      Bin gespannt, wie viel Prozent Wahlenthaltung oder Wählerstimmenverlust CDU/FDP und SPD weiterhin bereit sind hinzunehmen, bevor sie Energiekonzernen mittels wirkungsvoller gesetzlicher Vorgaben zu nachhaltigem, Ressourcen-, Lebensgrundlagen- und Umwelt-SCHONENDEN Zukunftsinvestitionen zu zwingen.

      Mit unkonventioneller Gasförderung / Fracking und CO2 Verpressung pflegen die Regierenden klammheimlich und wirkungsvoll die Konzernkassen ihrer Gönner.

      Und damit der Wähler das nicht gleich durchschaut wird in Großbuchstaben das Alibischild:

      „KLIMASCHUTZ“

      durchs Land getragen.

      CO2-VERMEIDUNG – das wäre echter Klimaschutz. Doch die Kanzler(innen)-WIRTSCHAFTS-Partei mit Röttgen und Brüderle setzen lieber auf CO2-Verpressung in Fracking- und Erdgasfeldern. Jede verpresste Tonne CO2 lässt die Steuer- und Konzern-KASSEN klingeln… es ist der reinste „Ablasshandel“.

      Und wer ist der zahlende Dumme…?

      Es sind die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die dieser subtilen Art der Ausbeutung unter Fahne “Klimaschutz“ ausgeliefert werden.

      Jede vermiedene Tonne CO2 bedeutet ein echtes Plus im Portemonnaie der Wähler und nachhaltiger Umweltschutz.

      Daran haben Wirtschafts- Energie- Politik-Lobbyisten kein Interesse, weil das Steuereinnahmen reduziert und Konzernkassen schmaler werden lässt – so einfach ist das.

      Wenn schon KLIMASCHUTZ, dann bitte so, das Steuer- und Konzernkassen klingeln.

      Weiter so…!…
      bis die GRÜNEN bei Wahlen die 50%-Hürde nehmen.

  2. Schön, wenn die Grünen jetzt glauben sich hier gross als Öko-Partei für den Bürger darstellen zu können.

    Denn auf den Koalitionspartner hat man bisher nicht einwirken können und hat, wie bei vielen anderen Umweltthemen, einfach nur zugesehen und diese gebilligt.

    Genau das selbe Problem gibt es in vielen Kommunen, wie z.B. Herne, wo Natur und Umwelt genau wie der Bürger erst an letzter Stelle kommt.

  3. Zum Zitat des o.g. Rechtsanwaltes: „Wenn das Risiko nicht abschätzbar ist, dass durch die Einleitung von Chemikalien, die nachfolgende Entsorgung der Abfälle, die Ewigkeitsschäden im Untergrund und die Folgeschäden durch austretendes Methan und Lagerstättenwasser in Trinkwasser führende Schichten entsteht, können die unteren Wasserbehörden ihre Zustimmung verweigern.“

    Heisst das, dass unsere Untere Wasserbehörde im Kreis Borken dieses Argument zur „Verweigerung“ bereits nutzen konnte, oder ist die Einholung der Entscheidung durch das NRW Moratorium ebenfalls aufgeschoben ?
    Vielleicht kann dies hier auf dieser WebSeite mal als Status-Information mitgeteilt werden. Vielen Dank 🙂

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