Aug 022012
 

Im Umweltministerium Düsseldorf wurde heute dem begleitenden Arbeitskreis zum NRW „Fracking“ Gutachten der Aufbau und die Systematik des Gutachtens vorgestellt. Das Gutachten selber wird in einer ausführlichen Fassung – 700 bis 800 Seiten – und einer Kurfassung am 31. August dem NRW Parlament übergeben. Die Öffentlichkeit muss noch einen Tag länger warten.

Ursprünglich sollte der Arbeitskreis zu diesem Zeitpunkt schon das Gutachten mit Risikoanalyse erhalten, um vor der Übergabe an das Parlament noch Rückmeldungen geben zu können. Statt dessen wurden heute PowerPoint Folien vorgestellt (werden später online verfügbar gemacht), die schon einmal einen groben Überblick über Inhalte und Verfahren geben sollten.

Kritisch diskutiert wurde dann gleich das grundlegende Modell zur Bewertung der Einflüsse der Gasförderung auf Mensch und Natur. Als Grundlage wird angenommen, dass ein Bohrplatz 30 Jahre lang betrieben werden kann und in dieser Zeit genau einmal zu Anfang gefrackt wird. Darauf basieren dann alle Annahmen über Stoffmengen, LKW Transporte, Lärmbelästigung, Schadstoff- und Abwassermengen usw.

Laut Gutachter wurden diese Zahlen (30 Jahre, 1 Frack) von ExxonMobil und Wintershall in „Expertengesprächen“ mit den Unternehmen genannt. Doch selbst das von ExxonMobil bezahlte Gutachten geht von Wiederholungs-Fracks in 25 Prozent aller Fälle aus. Die 30jährige Förderzeit stammt aus der konventionellen Gasförderung. Die EU Studie zur Schiefergasförderung zeigt, dass es in den USA üblich ist, mehrfach im Abstand von wenigen Jahren zu fracken, um eine wirtschaftliche Förderung überhaupt zu ermöglichen. Nach wenigen Jahren sind dann unkonventionelle Vorkommen ganz erschöpft.

Erst nach hitziger Diskussion wurde vom Umweltministerium entschieden, dass das Modell noch einmal auf der Grundlage wiederholter Fracks neu berechnet werden soll. Das NRW Gutachten wird Bedeutung weit über Deutschland hinaus haben. Wenn es Akzeptanz in der Bevölkerung finden soll, darf nicht der Eindruck entstehen, an solchen zentralen Punkten würde alleine den Behauptungen der Industrie geglaubt. Besonders dann, wenn die Industrie in einem anderen Kontext selbst höhere Zahlen nennt.

Leider ist das Gutachten an vielen Stellen auf Angaben der Industrie angewiesen. Doch diese gibt sich unterschiedlich offen. Vorgeschoben wird, dass viele Angaben erst mit Beginn der Probebohrungen gemacht werden könnten. Doch für historische Daten sollte das eigentlich nicht gelten. So macht Wintershall und BNK Petroleum keine Angaben über die bislang beim Fracking eingesetzen Chemikalien.

Das LBEG Niedersachsen – dort die zuständige Behörde für Gasförderung – hat in Deutschland die größte Datenbasis über alle Bereiche der Gasförderung. Zu Anträgen, Störfällen, Reparaturen, Abwassermengen, Leitungsnetze usw. sollte dort eigentlich alles vorliegen, um das NRW Gutachten in wesentlichen Punkten voran zu bringen.

Doch diese Daten werden nicht verfügbar gemacht. Eine unglaubliche Unverschämtheit gegenüber den Bürgern, wenn man bedenkt, wie viele Vorfälle in Niedersachsen erst durch anonyme Hinweise aus der Bevölkerung bekannt wurden. Weiter zu mauern, ist nicht akzeptabel. Die fehlende Offenheit der Landesbehörde läßt viel Raum für Spekulation über das Ausmaß der noch nicht veröffentlichten Vorfälle in Niedersachsen.

Helfen könnten das LBEG und die Industrie auch bei der Beurteilung der Langzeitintegrität von Bohrungen. Hier gibt es bislang keine ausreichende Datenbasis. Unwahrscheinlich, dass die Unternehmen nicht wissen, wie häufig sie Reparaturen durchführen müssen. Schon eher wahrscheinlich, dass sie selten kontrollieren. Erst recht nicht bei Bohrungen, die nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden.

Interessantes gab es zu Frackflüssigkeiten. ExxonMobils neue „giftfreie Frackmischung“ setzt auf ein „harmloseres“ Biozid. Doch um Wirkung zu entfalten muss ein vielfaches der ursprünglichen Menge eingesetzt werden, was die neue Mischung – bezogen auf das Biozid – gefährlicher macht, als die zuletzt verwendete Mischung aus Damme.

Wieder einmal stellt sich die Entsorgung der Abwässer als zentrales Problem heraus. Für NRW hat die Industrie noch kein Entsorgungskonzept vorgelegt. Dabei läßt sich an der Gefährlichkeit des Lagerstättenwassers – im Gegensatz zur Frackflüssigkeit – nichts ändern. Eine abwassertechnische Behandlung ist der Industrie zu teuer. Disposalbohrungen wären dagegen billig.

Das Gutachten soll dem Parlament Ende des Monats als Entscheidungshilfe und Diskussionsbasis vorgelegt werden. Wie es dann weiter geht, ist nach dem derzeitigen Stand noch völlig offen.

Im September wird sich der Arbeitskreis ein weiteres mal treffen.

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