Okt 152013
 
verkrüppelte Hand nach Quecksilbervergiftung

Quecksilber-Vergiftungen rufen schwere neurologische Schädigungen hervor: Verkrüppelte Hand nach Quecksilbervergiftung
Foto: „Tomoko’s hand“ von W. Eugene Smith in 1971; Copyright Aileen Archive.

Es ist etwas im Gange…
Das Quecksilber steigt im Boden wie Wasser,
das im Bohrloch eines Brunnens emporklettert.

Enoch in Neil Stephensons Quicksilver

Die Giftigkeit von Quecksilber ist seit der Antike bekannt. Dennoch kam für das Schwermetall erst Ende der 1950er-Jahre die Zeit der Aufklärung, als massenhaft schwere Vergiftungen durch die quecksilberhaltigen Abwässser der Chisso Chemiefabrik im japanischen Minimata aufgetreten waren. Jetzt, 50 Jahre später, haben die Vereinten Nationen ein Internationales Quecksilber-Abkommen verabschiedet. Dieses internationale, Minimata-Abkommen genannte Papier zur Reduzierung der globalen Quecksilberemissionen ist am Donnerstag bei einer Konferenz im japanischen Minamata verabschiedet worden. Mit ihm soll der globale Quecksilber-Ausstoß in die Umwelt drastisch reduziert werden.

Rund 1960 Tonnen Quecksilber entweichen jährlich in die Luft, hat die UN ermittelt und sagt gleich dazu, dass es auch wesentlich mehr sein könnte. Das Abkommen schreibt jetzt verbindliche Kontrollen und Vermeidung von Quecksilber in einer Reihe von Anwendungen vor, wie z.B. in Thermometern, Energiesparlampen, Goldminen, bei der Verfeuerung von Kohle und bei der Zementherstellung, und wird voraussichtlich in wenigen Jahren in Kraft treten, so die UNEP.

Was hat das alles mit Gasbohren zu tun?

Brennende Gasfackeln in Nigeria

Brennende Gasfackeln (Foto: Wikimedia)

Beim Raffinieren von Rohöl sowie bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas beim Endverbraucher werden pro Jahr lt. UN ca. 9,9 (4,5 – 16,3) Tonnen Quecksilber in die Luft abgegeben, wie dem Global Mercury Assessment 2013: Sources, emissions, releases, and environmental transport (Seite 6) zu entnehmen ist. Der Quecksilberanfall aus Teilen der Kohlenwasserstoffindustrie (Kohle, Öl und Gas) wurde erstmalig 2010 in das Inventar aufgenommen und findet sich im 2013er-Report überhaupt zum ersten Mal.

Nicht enthalten sind in diesem Wert die weiteren Quecksilberemissionen, die bei der Produktion (Förderung; Gewinnung) und beim Transport der Kohlenwasserstoffe Öl und Gas sowie beim Abfackeln anfallen. Dass bei der Gasproduktion und seiner Aufbereitung Quecksilber in besorgniserregenden Mengen anfällt, ist bekannt. Einige Erdgaslagerstätten im norddeutschen Becken (z.B. Hemslingen/Söhlingen) weisen mit 700–4400 µg/m³ Rohgas (Zettlitzer 1997) die weltweit höchsten Quecksilbergehalte auf.

Der folgende Anwohnerbericht aus dem Gebiet von Visselhövede bringt eine ganze Reihe unbeantworteter Fragen aufs Tapet:

Von jeder Erdgasbohrstelle [Hemslingen-Söhlingen] führt eine eigene Gasleitung zu der Entquickungsanlage in Bellen. Mittels Durchleitung durch Aktivkohlefilter wird [dort] das Quecksilber aus dem Erdgas entfernt. …

Bei allen Bohrstellen wird ein Abfackelvorgang erforderlich, der ca. 2 Wochen andauert. Während dieses Abfackelns wird mit großem Druck, hoher Geräuschentwicklung, sehr hohen Temperaturen und großer Flamme jeweils eine große Menge Erdgas verbrannt, die noch nicht von Quecksilber befreit wurde. — Welche chemischen Vorgänge passieren? — Entstehen dabei Quecksilberoxide oder andere Schadstoffe, die in die Umwelt gelangen?

Wo bleiben diese Schadstoffe beim Abfackeln? — Werden sie gemessen? — Wird der Vorgang überwacht? — Wie groß sind die Mengen verbrannten Gases, ausgestoßenen CO2, zerstäubten Quecksilbers oder -oxids?

In den Bohrwässern, von den Einzelbohrstellen mit 40-Tonnern TLW abgefahren, befindet sich neben den üblichen Schadstoffen aus dem Feld Hemslingen-Söhlingen zusätzlich noch der ungefilterte Anteil Quecksilber. Diese Bohrwässer, nun Lagerstättenwasser genannt, werden nach dem Versiegen der Gasförderung und nach dem dort praktizierten Fracking in Grapenmühlen Z1 und anderen Altbohrungen versenkt.

All diese unbeantworteten Fragen stehen den Betreibern der Bohr- und Versenkstellen und den genehmigenden Behörden nach wie vor ins Haus. Unverständlich bleibt bis heute, warum diese Emissionen der E&P-Industrie immer noch nicht im Umfang z.B. der Aarhus-Konvention oder auch in Erfassungssystemen wie Thru.de enthalten sind. Außerdem muss darauf gedrängt werden, dass auch diese beschriebenen Quecksilberquellen — das Abfackeln, der Transport von Produktionsabwässern und deren Verpressung in den Untergrund — in das Quecksilberinventar der Vereinten Nationen [PDF, 32 MB] Eingang finden und Vorkehrungen zur Vermeidung dieses Schwermetalleintrags in die Umwelt getroffen werden.

Seit vor über 50 Jahren in Minimata die Kinder mit Quecksilber vergiftet wurden, ist dieser Übeltäter bekannt. Es ist unbegreiflich, dass nach wie vor Teile der Industrie hier offensichtlich Narrenfreiheit haben und mit diesem Gift herumschludern können, wie es ihnen beliebt, und die Kosten, die dadurch entstehen, von der Allgemeinheit zu tragen sein sollen.

 Veröffentlicht von am 15. Oktober 2013

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