Dez 182015
 

Genuk e.V.

 

GENUK-Pressemitteilung, 17. Dezember 2015

Ende September strahlte der NDR-Markt einen Film über die auffällige Häufung von an Leukämie-Erkrankten junger Menschen in Rodewald aus, einem Dorf mit langer Ölfördertradition. Nach der ersten Aufregung über mögliche Zusammenhänge zwischen der wahrgenommenen Krebshäufung und Emissionen giftigen Benzols wurde umgehend vom Kreis Nienburg eine Arbeitsgruppe (örtliche Strukturen mit Landesbeteiligung und der Einbeziehung von GENUK e.V.) gegründet, die gleich zwei Krebsregister-Abfragen startete.

Nun gibt es bereits ein den Verdacht bestätigendes Ergebnis durch das Kinderkrebsregister Mainz: in den Jahren 2004-2007 hat es in der Samtgemeinde Steimbke sowie insbesondere in Rodewald tatsächlich eine jeweils signifikante Erhöhung von Leukämie bei Kindern unter 14 Jahren gegeben.

Über einen Untersuchungszeitraum von 27 Jahren (1987-2014) wurden nur für die oben genannten 4 Jahre statt der zu erwartenden 1,7 Fälle von kindlicher Leukämie in der Samtgemeinde Steimbke nun 6 bekannt, 4 davon in Rodewald, das eine Fallzahl von 0,6 in diesem Zeitraum zu erwarten gehabt hätte.

Im Frühjahr wird auch die Antwort des Epidemiologischen Krebsregisters Oldenburg (EKN) auf die Abfrage des Landkreises Nienburg nach Auffälligkeiten im gesamten Spektrum hämatologischer Krebserkrankungen (ICD C81 – C96) in Bezug auf alle Einwohner der SG Steimbke/Rodewald erfolgen. Zusammen genommen werden diese beiden Ergebnisse dann einen komplexeren Eindruck liefern – auch wenn das EKN aufgrund der Datenlage nur eine Auskunft über die Jahre 2005 – 2013 wird geben können. Was davor geschah, wird anderweitig zu ermitteln sein – soweit möglich. Die bereits im NDR-Film erwähnte Fall-Liste wird bei Mitarbeit der Betroffen erlauben, in relativ kurzer Zeit Licht auf die individuellen Krankheitsverläufe und vielleicht auch auf deren Verursachung zu werfen.

Was bedeutet diese Auskunft nun für die Menschen in der Samtgemeinde Steimbke? Wenn dort auch seit 2008 erfreulicherweise keine weiteren Fälle kindlicher Leukämie mehr aufgetreten sind, so geht es nun mit der Verarbeitung der belastenden Gewissheit der Erkrankung von Kindern in diesem speziellen 4-Jahreszeitraum auch um die Frage nach dem Warum und dem Wie. Denn dass diese Kinder nicht zufällig, sondern durch schädigende Einflüsse von außen erkrankt – und zum Teil auch verstorben sind – ist ein schwerwiegendes Ereignis. Die Frage nach konkreten verursachenden Faktoren sowie Verursachern wird die Samtgemeinde und den Kreis Nienburg noch lange beschäftigen.

Zur Erinnerung: dem NDR wurden Gutachten zur Verfügung gestellt, aus denen eindeutige Überschreitungen unter anderem von Benzol im jahrelang rund um die Uhr mitten im Dorf betriebenen Kaltfackelrohr um den Faktor 378 (nach TA Luft) hervorgehen. Auch die Bodengrenzwerte für Benzol sind deutlich überschritten. Wird in Rodewald nach nunmehr 67-jähriger Ölförderung das ganze Ausmaß der „Begleiterscheinungen“ in Gestalt von vielfachen und schweren (Krebs-)Erkrankungen offenbar?
Und was bedeutet dies in Bezug auf die Bewertung des Vorgehens von Industrie und Behörden rückwirkend, gegenwärtig und für die Zukunft für alle Bürger? Wissenschaftlich völlig unumstritten ist, dass Benzol Leukämien auslöst. Kaum ein chemischer Stoff ist bekannter für seine karzinogene Wirkung als Benzol, weshalb es auch keinen MAK-Wert, Wert der „Maximalen Arbeitsplatz-Konzentration“ zugeschrieben bekam – denn selbst geringste Benzolmengen können Krebs auslösen. Aufgrund dieser Erkenntnis gibt es seit 1971 ein Verwendungsverbot für Benzol und benzolhaltige Produkte mit mehr als 1 Vol-% Benzol. Mit Einführung der TA Luft wurde ein maximal-Wert von 5 mg Benzol pro m³ Luft festgelegt.

In seiner politischen und ethischen Bedeutung werden also im Laufe des Jahres 2016 auch verschiedene andere Fragen zu bewerten sein. Zum Beispiel, wie es sein konnte, dass erst durch die Anstrengung eines Gerichtsverfahrens durch einen Anwohner gegen die damalige Betreiber-Firma BEB die skandalösen Emissionswerte festgestellt wurden. Und wieso es erst dieser Mühen eines Bürgers bedurfte, um die kontinuierliche Ausbringung von nachweislich bis zu 1870 mg Benzol in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Wohngebieten schließlich 1991 wenn nicht zu unterbinden, dann wenigstens zu vermindern.

Was hat das damalige Bergamt Hannover in den Jahren seit 1971 getan, um Benzolemissionen und –immissionen in der Öl- und Gasförderung zu überwachen, zu bewerten und zu verhindern? Wie konnte es sein, dass auch nach dem gerichtlich verfügten Umwandeln einer Kaltgasfackel in eine Heißgasfackel kein sofortiges Verbot jedweden „Abblasens“ von (Roh-)Gas in die Umgebungsluft in Niedersachsen und anderswo durch die Bergämter erfolgte? Muss erwähnt werden, dass das Abblasen bis noch vor wenigen Jahren praktiziert wurde? Und dass in der Fackel und um das Abfackeln von Amts wegen kaum Messdaten zur Verfügung stehen? Warum hat das Bergamt Hannover nach dem ihm vorliegenden TÜV-Gutachten ab 1988 nicht sofort die niedersächsischen Gesundheitsbehörden verständigt? Und warum wurde wegen der zu befürchtenden späteren Krebserkrankungen – die erwartungsgemäßen Latenzzeiten berücksichtigend – kein Langzeit-Gesundheitsmonitoring auf Kosten des Verursachers eingeleitet? Wo doch das Berggesetz strafbewehrt den Gesundheitsschutz „Dritter“ vorsieht – sicherzustellen durch die Bergämter.

Ob wir uns in Bezug auf einen tatsächlich gesicherten Gesundheitsschutz durch die von den Bergbehörden ausgeführten Kontrollen bei der aktuellen Erdgas- und Erdöl-Förderung verlassen können, kann nur durch eine genaue Untersuchung zuverlässig beantwortet werden. Die Frage ist nur: wer überwacht die Überwacher? Dieses werden die entsprechenden Behörden in hoffentlich enger Kooperation mit den vielen wachen Bürgern und ihren Initiativen zu klären haben – in jedem Fall muss dies geschehen, bevor es zu einer neuen potenziellen Emissionsquelle von allein in Niedersachsen 43.000 geplanten Fracking-Bohrungen kommen kann.

Anhang: Karte mit Tiefbohrstellen in und um Rodewald/Kreis Nienburg vom NIBIS Kartenserver (Link)

Wer die Pressemitteilung herunterladen möchte verwende diesen Link.


1 http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Erdoel-Leukaemie-Niedersachsen-Rodewald,erdoel212.html

2 Siehe „TÜV Gutachten“ 1988

Nachfragen bitte an:

Kathrin Otte
Stellvertretende Vorsitzende GENUK e.V.
Auf der Höhe 5
21385 Amelinghausen
04132-2191791
01520-9106987
vorstand@genuk-ev.de
www.genuk-ev.de

Über Meldungen durch Betroffene an info@genuk-ev.de würden wir uns freuen.
Über die Folgen von Benzol auf den menschlichen Organismus informieren Sie sich bitte hier: http://www.genuk-ev.de/Benzol.html und http://www.genuk-ev.de/Benzol2.html; sehen Sie auch Informationen zu den Auswirkungen von Benzol auf Leukämie bei Kindern: http://www.genuk-ev.de/leukemia.html

 Veröffentlicht von am 18. Dezember 2015

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