Mai 062017
 

Volker H.A. Fritz                                    WF, den 06.05.2017

Breitflächige Fracking-Förderung von Erdgas in Deutschland ist nicht ohne
starke Gefährdung und Schädigung des trinkbaren Grundwassers
zu erwarten.

Im Zusammenhang mit der künftig in Deutschland massenhaft und flächendeckend
geplanten Fracking-Förderung von Erdgas aus Schiefergesteinen wird bei uns
immer wieder versichert, dass keine Gefahr für das Grundwasser und das
Trinkwasser besteht, obwohl diese Gefährdung greifbar und logisch gegeben ist.

So bleibt uns – wieder einmal – der Blick nach Nordamerika, um an den dort
gemachten Erfahrungen Betroffener eine gewisse Abschätzung der zu erwartenden
Schadenshäufigkeit in Deutschland auszurichten.

Zu den USA ist zu bemerken, dass die zuständigen Aufsichtsbehörden in den
Förderstaaten aus Kapazitätsgründen ihre Kontroll- und Aufsichtspflicht zum Schutz
des Wassers nur ungenügend wahrnahmen.
Die Regierungen der Förderstaaten zeigten wenig Neigung, den Beschwerden der
betroffenen Anwohner von Fracking-Aktivitäten nachzugehen.
Bis vor kurzem behaupteten die Förderunternehmen in Deutschland sogar, es habe
in den USA noch nie Beschädigungen von Brunnenwasser gegeben und die
Sendung „PANORAMA“ gab sich sogar im Herbst 2014 und Anfang 2015 dazu her,
diese unwahre Darstellung der Industrie durch „PANORAMA-die-Reporter“ in den
USA durch Berichte aus Dimock, Pennsylvania, zu untermauern, trotz
anderslautender öffentlich zugänglicher Informationen.

https://www.atsdr.cdc.gov/hac/pha/DimockGroundwaterSite/Dimock_Groundwater_Site_HC_05-24-2016_508.pdf

Die Bundesumweltbehörde der USA, die EPA , war von betroffenen Anwohnern des
Städtches Dimock zu Hilfe gerufen worden, nachdem ihr Brunnenwasser in Folge
von Fracking-Aktivitäten der Cabot Oil & Gas unter ihrem Wohngebiet sich verändert
hatte. Entlang der Carter Road waren über 40 Anwesen betroffen. Seit 2012 war die
EPA dann tätig, ohne jedoch zu einem abschließenden Urteil zu kommen und später
wurde den Betroffenen von der EPA mitgeteilt, ihr Wasser sei trinkbar, obwohl es
trübe war, braun verfärbt und unangenehm roch.
Ein gegen Cabot Oil angestrengtes Entschädigungsverfahren zog sich vor den
Gerichten bis 2016 hin, ehe dann noch zwei übrig gebliebenen Familien eine Summe
von über 2 Mio USD zugesprochen wurde.
Eine neue Untersuchung der Agency for Toxic Substances and Disease Registry
(ATSDR) ergab  am 24.05.2016, dass das Brunnenwasser nicht mehr trinkbar war.
In 5 Brunnen war hoch angereichert Methan gefunden worden, mit Explosionsgefahr.
In weiteren 12 Brunnen waren die Methangehalte niedriger aber immer noch
gefährlich und es kamen Metall- und Salzanreicherungen des Brunnenwassers
hinzu.
Am Beispiel des bedeutenden Förderstaates Pennsylvania soll einmal
aufgezeigt werden, was festgestellt wurde:
Die Aufsichtsbehörde ist das Department of Environmental Protection (DEP).
In der Zeit von 2004 bis 11/2016 wurden in PA 10.027 gefrackte Bohrungen erstellt.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, auf die hohe Zahl an Grundwasser-
bzw. Trinkwasserbrunnenbeschädigungen zurück zu kommen, die allein in
Pennsylvania gemeldet wurde, aber vom DEP nicht erfasst oder falsch erfasst wurde,
unter anderen Titeln.

Die Prüfer des Public Herald gewannen den Eindruck, dass hier mit Vorsatz
gehandelt wurde. Wegen der offensichtlichen großen Diskrepanz der öffentlichen Aussagen des DEP
zu den zahlreichen Beschwerden betroffener Anwohner mit Trinkwasser-
Brunnenanlagen wurde Ende 2016 vom „Public Herald“ eine Prüfung der Akten des
DEP nach dem Öffentlichkeitsinformationsgesetz beantragt und auch durchgeführt.
Am 23.01.2017 lag dann das Ergebnis vor.
http://publicherald.org/hidden-data-suggests-fracking-created-widespread-systemic-
impact-in-pennsylvania/

Im Zeitraum von 2004 bis Nov. 2016 gingen 9.442 Beschwerden beim DEP ein.
es registrierte 4.108 Beschwerden unter „Trinkwasserbeschädigung“ die anderen 5.334 Beschwerden registrierte das DEP unter    „Gasmigration“
„Leckage-Folge“
„Verschmutzung“
„undichte Bohrung“
nach Einschätzung der Prüfer, die die Unterlagen des DEP jetzt durchgesehen
haben, dürfte bei einem großen Teil dieser Fälle ebenfalls das Brunnenwasser der
Anwohner beschädigt worden sein. So erscheint es zulässig, anzunehmen, dass in
PA etwa jede zweite gefrackte Bohrung zur Beschädigung von Trinkwasser geführt
hat, also ca. 4.700 Fälle.
Das DEP hatte übrigens nur 284 der gemeldeten Trinkwasser-Beschädigungen
anerkannt.

Da PA ja nur ein Bundesstaat mit Fracking-Förderung ist, in den USA aber noch
weitere Staaten mit großer Fracking-Förderung belastet sind, nutze ich die Zahl der
ermittelten gefrackten Bohrungen der Organisation „Frack-Tracker“ mit allen
gefrackten Bohrungen, soweit öffentlich bekannt, um zu einer Abschätzung der USA-
weit aufgetretenen Trinkwasserschäden zu kommen.
Dazu nutze ich näherungsweise eine Aufstellung zum Jahr 2015:
Bundesstaat:               Anzahl Bohrungen
Texas                              291.996
Kansas                           252.097
Oklahoma                     206.373
Pennsylvania                136.036
West Virginia                109.747
California                       105.037
Colorado                         72.313
Illinois                             69.222
Wyoming                        66.298
Louisiana                        64.710
New Mexico                    60.943
Kentucky                         32.483
Utah                                 27.352
Montana                          19.928
Michigan                         19.821
Arkansas                         18.645
North Dakota                 17.931
Alabama                           8.017
Missisippi                        7.897
Indiana                            7.672
Missouri                          6.590
Ohio                                 1.916
South Dakota                    578
gesamt                  1.498.670 Bohrungen

gesamt ohne  PA =1.362.634 = 10-fach PA
PA =                        136.036

Wenn wir also aus 136.036 Bohrungen 4.700 Trinkwasserschäden in PA ansetzen,
erscheint es als Durchschnitt zulässig, dass die Gesamtzahl der Brunnenschäden im
Verhältnis USA-weit 10-fach höher liegt, da ja durch die Verschwiegenheitsverträge
der privaten Grundbesitzer, auf deren Grund gefördert wird, mit den
Förderunternehmen ein großer Teil der tatsächlich erfolgten Trinkwasserschädi-
gungen nicht zur Meldung gebracht worden sein dürfte.

Daher halte ich es für angemessen, USA-weit insgesamt mit mindestens 40.000
Trinkwasserbeschädigungen zu kalkulieren. Es handelt sich um ein Massenphänomen.

Diese Zahlen entsprechen etwa dem Bild, dass uns der „GASLAND“-Film vermittelt.
Wir erinnern uns der vielen Außenbehälter, die auf den Privatgrundstücken der
Grundbesitzer neben den Wohnhäusern aufgestellt worden waren, um die
Wasserversorgung der Anwohner der Bohrstellen mit Trinkwasser zu sichern. Sie
wurden ihnen kostenlos von den Fracking-Firmen gestellt und regelmäßig per
Tankwagen befüllt.
Man darf annehmen, dass diese großen Außentanks nicht aufgestellt worden wären,
wenn es nicht einen Grund dafür gegeben hätte.

Noch einmal zurück zum Beispiel der Trinkwasserschädigungen durch Fracking-
Bohrungen in Pennsylvania: rechnerisch gab es an jeder 2. Bohrung eine
Trinkwasserstörung. Die Untersucher stellten auch fest, dass 50% der
Undichtigkeiten an den Förderbohrungen in den ersten 3 Jahren nach dem
Niederbringen auftreten (danach ist ja auch dann bei unkonventionellen
Schiefervorkommen schon kaum noch Förderung zu erwarten).
Und noch etwas fanden die Prüfer heraus: es trat nicht etwa mit zunehmender
Erfahrung eine Verringerung der Schadensfälle auf, sondern umgekehrt nahm deren
Häufigkeit, bezogen auf die jährlich neu erstellten Bohrungen, zu.

Und in einer weiteren Untersuchung – zur Häufigkeit von Flüssigkeits- und
Gasaustritten bei Fracking-Förderbohrungen – durch die Duke University, North
Carolina, USA, vom 21.02.2017 wurden 31.481 Bohrungen der Jahre 2005 bis 20014
untersucht, die nur in den 4 Förderstaaten Colorado, New Mexico, North Dakota und
Pennsylvania errichtet wurden. Titel: „Unconventional Oil and Gas Spills: Risks,
Mitigation Priorities and State Reporting Requirements“

pubs.acs.org/doi/full/10.1021/acs.est.6b05749

Mehr als 6.600 Austritte wurden dabei registriert. Zwischen 2 und 16% der
Bohrungen haben mindestens einmal potentiell umweltschädliche Flüssigkeiten in
die Umwelt freigesetzt. Dabei sind die Vorschriften in den untersuchten Staaten
durchaus unterschiedlich, ab wann ein Austritt „Spill“ meldepflichtig ist.
Es ist also bei diesen Angaben mit einer Dunkelziffer zu rechnen. Die
Wissenschaftler konnten klar herausfinden, dass in den ersten drei Lebensjahren
eines Fracking-Förderplatzes die Gefahr für Austritte am größten ist. Ein weiteres
Ergebnis war, dass sich Austritte an bestimmten Standorten häuften. Es werden
systematische Fehler als Ursache an genommen. Ebenso wurde ermittelt, dass die
meisten der Austritte nicht bei der Förderung selbst, sondern an undichten
Speichertanks und durch Lecks in Leitungen auftraten.
Auch menschliches Versagen wurde bei fast 700 Fällen als Ursache erkannt.
Bei vielen der festgestellten Freisetzungen kam es  zur Verunreinigung der
Wasserläufe oder des Grundwassers.

Im Verhältnis auf Niedersachsen übertragen, würden diese Erkenntnisse etwa
bedeuten: geplant sind 43.000 neue abgelenkte Fracking Bohrungen von 20er Cluster-Plätzen aus.
Unsere Wasserversorgungen in NDS sind überwiegend kommunal strukturiert, so
dass die Zahl kontaminierter Brunnen im Verhältnis geringer sein dürfte, als in den
Flächenstaaten der USA mit Einzelgehöften.
Wenn andererseits eine kommunale Wasserversorgung beschädigt ist, erleiden alle
angeschlossenen Haushalte den Schaden.

Wenn gar ein größerer Aquifer, wie dasSystem „Rotenburger Rinne“, betroffen ist,
können durch einen Schaden Zehntausende eine unbrauchbare Wasserversorgung
bekommen.

Man kann eines deutlich absehen: die Beschädigung des trinkbaren
Grundwassers und der zur Trinkwassergewinnung angezapften Aquifere ist
eine sehr große Gefahr, die von der Förderindustrie klein geredet wird.

Hinzu kommen die Gefahren aus der Entsorgung der Förderabwässer,
insbesondere wenn diese in den Untergrund verpresst werden können. Denn
die im Untergrund „deponierten“ Flüssigkeiten wandern. Sie bewegen sich und
bilden auf Generationen eine Gefahr für das trinkbare Grundwasser.

Volker Fritz

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