Apr 202016
 

GENUK

Pressemitteilung

11.04.2016
Gemeinnütziges Netzwerk Umweltkranke e.V. (GENUK)
Zur Erinnerung: Ende September strahlte das NDR-Verbrauchermagazin ‚Markt‘ einen Film[1] über die auffällige Häufung von an Leukämie-Erkrankten junger Menschen in Rodewald aus, einem Dorf mit langer Ölfördertradition. Nach der ersten Aufregung über mögliche Zusammenhänge zwischen der wahrgenommenen Krebshäufung und Emissionen giftigen Benzols wurde umgehend vom Kreis Nienburg eine Arbeitsgruppe (örtliche Strukturen mit Landesbeteiligung und der Einbeziehung von GENUK e.V.) gegründet, die gleich zwei Krebsregister-Abfragen startete. Ein erstes Ergebnis durch das Kinderkrebsregister Mainz lag, wie berichtet im Dezember 2015 vor: in den Jahren 2004-2007 hat es in der Samtgemeinde Steimbke sowie insbesondere in Rodewald tatsächlich eine jeweils signifikante Erhöhung von Leukämie bei Kindern unter 14 Jahren gegeben.

Nun ist auch die Antwort des Epidemiologischen Krebsregisters Oldenburg (EKN) auf die Abfrage des Landkreises Nienburg nach Auffälligkeiten im Zeitraum 2005-2013 im gesamten Spektrum hämatologischer Krebserkrankungen (ICD C81 –  C96) in Bezug auf alle Einwohner der SG Steimbke/Rodewald erfolgt: während in der Samtgemeinde Steimbke die beobachteten Neuerkrankungen – 46 – um ca. 10 die erwarteten überstiegen, ergab die statistische kleinräumige Berechnung für Rodewald ein noch unerfreulicheres Bild: statt der 12,5 zu erwartenden Neuerkrankungen hat sich eine Anzahl von 20 bestätigt. Zwar konnte keine signifikante Steigerung bestätigt werden. Dies liegt u.a. daran, dass drei registrierte Krebsfälle aus rechtlichen Gründen keiner Einzelgemeinde zuzuordnen waren und daran, dass die gewählte Vergleichsregion Hannover, die dem EKN vorgegeben war, eine besondes hohe Inzidenz hämatologischer Krebserkrankungen aufweist (35,3 je 100.000 Einwohner) und insofern auch die daraus abgeleiteten Zahlen erwarteter Krebsfälle entsprechend höher liegen.

Aber sollte uns wirklich interessieren, ob mit 1 erkrankten Menschen mehr oder weniger eine Signifikanz der Häufung bestätigt werden kann? Wohl kaum, ist doch die Steigerung in Rodewald zusammen genommen mit der signifikanten Erhöhung der Kinderleukämiefälle zwischen 2004 und 2007 recht besorgniserregend. Aufgrund unserer im NDR-Film vorgestellten Laienberechnung hatte sich für die Jahre 1998 – 2007 ein eindeutiges Bild ergeben, so dass das NLGA sich umgehend für eine Untersuchung ausgesprochen hatte. Denn hätte es die Möglichkeit gegeben, vor 2005 bereits vollständige Zahlen für das EKN im LK Nienburg vorzulegen, hätte sich eine Signifikanz der Erkrankungsrate bei unter 40-jährigen mit 5 Fällen in diesem Zeitraum wahrscheinlich als signifikant erwiesen.

Insofern sollten wir der Statistik ihre Bedeutung geben, aber eine Handlungsvorgabe nicht allein von ihr abhängig machen, wie auch dankenswerterweise das EKN selbst am Beispiel der Auswahl der Vergleichsregion erläutert: „Bei einem Vergleich mit Niedersachsen insgesamt würde man weniger hämatologische Krebsrekrankungen in der Samtgemeinde Steimbke wie auch Rodewald erwarten.“ (S. 17 der Langfassung des EKN-Berichtes)

So ist auch in Rodewald eine besondere Häufung des ansonsten recht seltenen Multiplen Myeloms mit 7 statt 2,2 Erkrankungen zu beobachten. Somit stellt sich die Frage, ob die in 2014 und 2015 in zwei Gemeinden – mit jeweils über 20 Gasbohrstellen – im Landkreis Rotenburg/Wümme bestätigten signifikant erhöhten Erkrankungsraten des Multiplen Myeloms bei Männern hier in einem Zusammenhang mit der Kohlenwasserstoff-Förderung gesehen werden können.

In der Erdgasförderregion Rotenburg/Wümme hatte die Tatsache, dass allein Männer von der deutlich erhöhten Erkrankungsrate beim Multiplen Myelom und beim Non-Hodgkin Lymphom betroffen waren, noch Vermutungen über einen arbeitsplatzbezogenen Zusammenhang genährt (eine diesbezügliche Bevölkerungsbefragung wird spätestens im Herbst ausgewertet sein). Dies wäre in Rodewald nun anhand der überwiegend Frauen und Kinder betreffenden hämatologischen Krebserkrankungen nicht möglich.

Bereits in unserer Pressemitteilung vom 17.12.2015 hatten wir aus dem TÜV-Gutachten von 1988 zitiert, aus dem eindeutige Überschreitungen vor allem von Benzol im – zumindest in den 80er Jahren – rund um die Uhr mitten im Dorf betriebenen Kaltfackelrohr um den Faktor 378 (nach TA Luft) hervorgehen. Wir haben gefragt: „Wird in Rodewald nach nunmehr 67-jähriger Ölförderung das ganze Ausmaß der „Begleiterscheinungen“ in Gestalt von vielfachen und schweren (Krebs-) Erkrankungen offenbar?“

Die durch das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) vorgenommene toxikologische Bewertung der gesamten aus den Jahren 1988 – 2014 vorliegenden Umweltmonitoring-Daten durch TÜV und des gern von Exxon beauftragten internationalen Großunternehmens Arcadis hat den Vorschlag ergeben, eine nachträgliche Immissionsprognose für Benzol vorzunehmen. Dieses ist auch jetzt noch, 28 Jahre später sinnvoll, sollte aber aufbauen auf den inzwischen vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen über niedrigschwellige Langzeitexpositionen, die sich als immer bedeutsamer herausgebildet haben.

Fazit: angesichts einer mehr als deutlichen Gefahrenlage – denn die Neuerkrankungsrate war auch noch in den Jahren 2011 – 2013 mit 5 Fällen in Rodewald anstelle der zu erwartenden 4,1 überschritten – fordert dies nun deutliche Maßnahmen der Behörden. Diese Maßnahmen können nach den erschreckenden Krebsraten im Landkreis Rotenburg/Wümme nun nicht mehr als Einzelereignisse zu betrachten sein. Neben den von GENUK stets unterstützten Maßnahmen vor Ort weiten wir unsere bereits 2013 erhobene Bitte nach einer Begleitstudie für den Landkreis Rotenburg folgendermaßen aus: Wir fordern

  • eine niedersachsenweite epidemiologische prospektive Studie rund um die Erdöl- und Erdgasförderstellen in räumlicher Nähe zu Ortschaften und Wohnbebauungen über einen 10-Jahreszeitraum
  • Eine historische Aufarbeitung der Unterlassungen gesetzlich vorgesehener Kontrollen durch die Bergämter und die ihnen vorgesetzten Wirtschaftsminister in Bezug auf den Umwelt- und Gesundheitsschutz
  • Die Abstände zwischen Öl- und Gasbohrungen und Wohnbebauungen von 30 m auf 10 km zu erweitern, denn in den USA wurden Geburtsschäden noch in 10 Meilen Entfernung zu Frackingbohrstellen nachgewiesen
  • Eine Verankerung des Gesundheitsschutzes in einer eigenen Gesetzgebung zur „GVP“, der „Gesundheitsverträglichkeitsprüfung“
  • Ein Moratorium der Öl- und Gasförderung, bis sich ausschließen lässt, dass von diesen Förderstellen Gefahren für die Bevölkerung ausgehen
  • Ein bundesweites Frackingverbot verankert im Bundesberggesetz.

Zusätzliche Informationen:

Über Meldungen durch Betroffene an info@genuk-ev.de würden wir uns freuen. Über die Folgen von Benzol auf den menschlichen Organismus informieren Sie sich bitte hier: http://www.genuk-ev.de/Benzol.html und http://www.genuk-ev.de/Benzol2.html; sehen Sie auch Informationen zu den Auswirkungen von Benzol auf Leukämie bei Kindern: http://www.genuk-ev.de/leukemia.html; Vorangegangene Pressemitteilungen sind einsehbar auf: http://www.genuk-ev.de/genuk_pm.html

 Kurze Historie zum Wirken von GENUK bei der Aufklärung über Gesundheitsschäden im Kontext mit der Gas- und Ölförderung in konventionellen Lagerstätten:

  • Das Gemeinnützige Netzwerk für Umweltkranke, GENUK e.V. hatte bereits im Jahr 2012 Kontakt nach Verden aufgenommen, wo sich nach einem Filmbericht in Allerdorf Krebsfälle häuften, die dort im Kontext zur Gasindustrie vermutet wurden.
  • GENUK kam im Mai 2013 in Kontakt mit umweltbedingt Erkrankten in Wittorf/Visselhövede, die ihre Beschwerden und Schädigungen im direkten Zusammenhang mit den umliegenden Gasförderstellen (Bellen ist via Luftlinie nur 7 km entfernt) und insbesondere durch die räumliche Nähe zur Verpressstelle von (damals noch RWE) Dea in Grapenmühlen, 400 m vom Ortseingang entfernt.
  • GENUK hat sich im Sommer 2013 sehr aktiv an der Gründung der WUG, „Wittorfer für Umwelt und Gesundheit“ beteiligt.
  • Im August 2013 schrieb GENUK einen Brief an die die niedersächsischen Ministerien für Wirtschaft, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung sowie Umwelt, in dem eine große „Begleitstudie“ zur Aufklärung auffälliger Krankheitsfälle und aus verschiedenen Orten berichtete Krebshäufungen gefordert wurde.
  • Ab Oktober 2013 gab es eine Zusage für einen Termin mit dem Landesgesundheitsamt mit GENUK unter Teilnahme einer Vertreterin des MS (Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung). Seit Dezember 2013 ist GENUK Teilnehmer an der bis heute bestehenden Arbeitsgruppe in Hannover.
  • GENUK engagierte sich im Herbst 2013 bis zur Gründungsveranstaltung im Januar 2014 für den Aufbau der Bürgerinitiative für Gesundheit, BIG, in Hemslingen/Söhlingen, wo eine Unterschriftenliste durch eine Anwohnerin auffällig hohe allgemeine Krebsraten vermuten ließ und lässt.
  • GENUK nimmt seit Februar 2014 an der Arbeitsgruppe im Gesundheitsamt Rotenburg zusammen mit dem NLGA, einer Vertreterin des MS teil. Anfangs konnten wir unter Hinzuziehung unseres wissenschaftlichen Beirats an der Erstellung der Krebsregisterabfrage mitwirken – später gelang uns auch die Hinzuziehung örtlicher BI-Vertreter – seit Feststellung der signifikanten hämatologischen Krebsraten in Bothel geht es um die Weiterführung der Aufklärungsbemühungen vor Ort – wie die Mitarbeit an dem Fragebogen, der den Botheler Bürgern zugestellt wurde und dessen Rücklauf derzeit noch ausgewertet wird.
  • GENUK gründet im Mai 2014 das „Team Gesundheit“ in www.Gegen-Gasbohren.de mit, einem bundesweiten Netzwerk gegen Gas- und Ölförderung in konventionellen wie unkonventionellen Lagerstätten mit 70 Bürgerinititativen.
  • Im Januar 2015 gründete GENUK die „Selbsthilfegruppe Leukämie und Lymphomkranker“ in Rotenburg/Wümme
  • Seit Herbst 2015 ist GENUK nach Teilrecherche in dem Erdölförderdorf Rodewald im Landkreis Nienburg und nach Offenlegung belegter Fälle von Kinderleukämie und hämatologischen Fällen bei Erwachsenen durch den NDR-Beitrag in „Markt“ Mitglied in der Nienburger Arbeitsgruppe im dortigen Gesundheitsamt mit Vertretern des NLGA, MS, EKN und (Samt-)Gemeinde-Vertretern. Eine signifikante Erhöhung der Kinderleukämierate wurde am 17. Januar durch das Kinderkrebsregister in Mainz bestätigt, das EKN wird der AG voraussichtlich im April die Bewertung aller Altersgruppen in Bezug auf hämatologische Krebserkrankungen vorlegen. Laut einem TÜV-Gutachten wurden Benzolwerte in Rodewald am zentral gelegenen Werksplatz zwischen 1980 und 1990 um den Faktor 378 überschritten (statt 5 mg/m³Luft waren es bis zu 1890 mg/m³ Luft).
  • Seit Januar 2016 wird unsere seit nunmehr 2 ½ Jahren erhobene GENUK-Forderung nach einer universitären Studie zur Aufklärung der gehäuften Krebsraten nun auch von 212 Ärzten im Landkreis Rotenburg-Wümme unterstützt.- nach heutigem Kenntnisstand würden wir die Studie aber Niedersachsen-weit in Bezug auf langjährige Öl- und Gasförderplätze anlegen.

GEMEINNÜTZIGES NETZWERK FÜR UMWELTKRANKE e.V.              

Kathrin Otte
Stellvertretende Vorsitzende GENUK e.V.
Auf der Höhe 5
21385 Amelinghausen

04132-2191791                                  vorstand@genuk-ev.de
01520-9106987                                  www.genuk-ev.de

[1]http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Erdoel-Leukaemie-Niedersachsen-Rodewald,erdoel212.html

Die beiden EKN-Publikationen (Kurz- und Langfassung):
http://www.krebsregister-niedersachsen.de/index.php/sonderauswertungen/36-daten/sonderauswertungen/115-gemeinde-rodewald-samtgemeinde-steimbke

Die Stellungnahme des Landkreises Nienburg:
https://www.lk-nienburg.de/portal/meldungen/rodewald-krebsregister-legt-bericht-vor-901002741-21500.html?rubrik=8

 Veröffentlicht von am 20. April 2016

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