Okt 212014
 

Do, 28. August 2014, 19:08:04: Brennende Fackel an der Erdgasbohrung Söhlingen Z16

Do, 28. August 2014, 19:08:04 Uhr: Brennende Fackel an der Erdgasbohrung Söhlingen Z16

Quecksilber auf Wiesen und in Gräben, Benzol in Äckern, Krebsverdacht im Gasland – und das Gasfördergeschäft geht weiter wie gehabt. “Exxon Mobil zündet die nächste Fackel an”, titelt die Böhme Zeitung am heutigen Dienstag, dem 21. Oktober 2014, und macht ihren Lesern die gestrige Ankündigung des Unternehmens zu Arbeiten an der Erdgasbohrung Söhlingen Ost Z4 bekannt. Heute gibt es schon wieder eine neuere Ankündigung dieser Art: Arbeiten an der Erdgasbohrung Siedenburg T9.

Hier, wie auch für Söhlingen Ost Z4, lautet der Standardtext:

Während der Arbeiten wird es zeitweise an der Fackel zu einer erhöhten Flammenbildung, bei Dunkelheit mit hellem und weit sichtbarem Feuerschein kommen. In dem näheren Umfeld kann es zu einem erhöhten Geräuschpegel kommen. Je nach Wetterlage ist evtl. auch eine leichte Geruchsbelästigung möglich.

Exakt derselbe Textbaustein gilt und galt für Arbeiten an den Erdgasbohrungen Klosterseelte Z7 (10.10.14), Walsrode Z5a (26.09.14), Walsrode Z4 (19.09.14), Bohrprojekt Goldenstedt Z34 (11.09.14), Wartungsarbeiten an der Erdgasbohrung Bahrenborstel Z1 (03.09.14), Arbeiten an der Erdgasbohrung Deblinghausen Z7 (26.08.14), Arbeiten an der Erdgasbohrung Varnhorn Z3 (11.07.14), Arbeiten an der Erdgasbohrung Dötlingen Ost Z1 (10.07.14), Arbeiten an der Erdgasbohrung Hengstlage T14 (10.07.14), Arbeiten an der Erdgasbohrung Barenburg Z8 (03.07.14), Arbeiten an der Erdgasbohrung Goldenstedt 25 (30.06.14), Arbeiten an der Erdgasbohrung Visbek Z9b (10.06.14), und viele, viele weitere Arbeiten an Erdgasbohrungen der vergangenen Monate und Jahre: Stets wurde und wird das anfallende Gas über eine Fackel verbrannt.

Ob inzwischen ein zunehmender Verdacht besteht, dass die Abgase dieser Fackelei gesundheitsschädlich ist, oder ob in Texas eine Linde rauscht: Das ist Unternehmen wie Bergbehörden offensichtlich egal. Solange kein stringenter Nachweis existiert, dass solche Fackelarbeiten negative Folgen für Umwelt und menschliche Gesundheit haben könnten, wird offenbar weiter gemacht wie bisher.

Eine Konsequenz hat ExxonMobil allerdings doch gezogen: Wenn Bohrungen im stark quecksilberhaltigen Feld Hemslingen/Söhlingen betroffen sind, dann wird die entsprechende Meldung seit Neuestem mit einer solchen Passage ergänzt:

… Quecksilberabscheider (Aktivkohlefilter) [tragen] dafür Sorge, dass die Grenzwerte der TA-Luft (Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft) für Quecksilberemissionen eingehalten werden. Es findet ein regelmäßiges Monitoring der Aktivkohlefilter statt, bei der die Funktionsfähigkeit überprüft wird. Ausgetauschte Aktivkohle wird den gesetzlichen Vorschriften entsprechend von Fachfirmen entsorgt.

Was diese Aussage bedeuten soll, bleibt allerdings fraglich. Soll mit dem Technik-Sprech suggeriert werden, dass alles sicher und sauber abläuft? Dass also eine Ansammlung von Aktivkohle in einem Bottich, der Fackel irgenwo vorgeschaltet, zuverlässig dafür sorgt, dass der gem. TA Luft[1] zulässige Emissionsgrenzwert im Mittel 0,05 Milligramm pro Normkubikmeter (mg/Nm3) (bei einer Probenahmedauer von mindestens 30 Minuten und höchstens 8 Stunden) nicht überschritten wird? Aktivkohle als Messinstrument für Schadstoffausstöße? ExxonMobil muss sich fragen lassen, wie der tatsächlich Schadstoffausstoß im Abgas gemessen wird und welche Ergebnisse hierzu vorliegen. Gelegentlich monitorierte und eventuell aufgefrischte Aktivkohlemassen sind sicher nicht in der Lage, hierüber Aussagen abzuleiten.

Dietrich Wiedemann, Grünes Ratsmitglied in Soltau, kommentierte entsprechend:

Offensichtlich verzichten Betreiber und Aufsichtsbehörde nach wie vor auf Schadstoffmessungen während des Fackelungsprozesses. Das ist im gesundheitlichen Interesse der Anwohner nicht hinnehmbar. Das LBEG hat anlässlich der Quecksilber-Belastung des Bodens im Umfeld der Bohrlöcher des Söhlinger Gasfeldes (bei uns Lokationen Söhlingen Ost Z 1 und Söhlingen Z 14) eingeräumt, dass Belastungen generell wahrscheinlich durch Lufteintrag zustande gekommen sind. … In ROW hat es einen Kreistagsbeschluss mit der Forderung nach Luftmessungen während jedes Abfackelns von Bohrlöchern gegeben. Ich fordere die Gleichbehandlung der Bevölkerung in ROW und SFA. Die Luftmessungen sind wichtig für die Erforschung der Ursache der festgestellten erhöhten Krebsrate im Umfeld des Söhlinger Gasfeldes, das sich auf Teile der Samtgemeinden Bothel und Neuenkirchen erstreckt. Da die Krebsgefährdung aus bisher unerforschter Ursache anhält und Menschen latent gefährdet sind (NDR 3 berichtet von einem Betroffenen, dessen Blut 2010 untergrenzwertig mit Benzol belastet war und der heute 2014 krebskrank und Dialysepatient ist), muss jeder Fragestellung, die zur Aufhellung der Krankheitsursachen dienen kann, verfolgt werden. Kostenbedenken und Verwaltungsaufwand haben hier angesichts denkmöglicher Gefährdung von menschlichem Leben zurückzustehen.

Vor weniger als zwei Monaten erst hatten sich Anwohner in einem Offenen Brief an den Obersten Bergmann in Niedersachsen, Wirtschaftsminister Olaf Lies, gewandt und einen Stopp der schmutzigen Fackelarbeiten gefordert. Im Mai d. J. hatte der NABU Rotenburg massiv erhöhte Quecksilberwerte im Boden an Erdgassonden gemessen. Diese Funde und vehementes Nachfragen bei den zuständigen Bergbehörden LBEG und Wirtschaftsministerium brachte kurz darauf ans Licht, dass das LBEG seit Jahren Kenntnis von überschrittenen Quecksilberwerten hatte.

Nobody_gets_hurtDoch bis heute hat sich nichts an der Praxis des Abfackelns geändert. Unternehmen und Behörden müssen jetzt beweisen, dass die von ihnen heißgeliebte Erdgasförderung nichts mit den Verschmutzungen und den Krankheitsfällen zu tun hat. Und dass die Visionen von ExxonMobil stimmen: “Niemand wird verletzt.” Und: “Das Morgen schützen. Heute.”

[1] Gem. TA Luft (2002; Internetfassung des BMU, Seite 21) ist die RICHTLINIE 2010/75/EU DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 24. November 2010 über Industrieemissionen (integrierte Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung) maßgeblich.

Okt 212014
 

aesk_bellenAm 8. Oktober diskutierten in Berlin rund 50 Experten aus Ärztekammern, Gesundheitsbehörden, wissenschaftlichen Instituten und dem Umweltbundesamt Gesundheitsrisiken und Fragen der Prävention, die sich aus modernen Methoden der Energieerzeugung ergeben können. Im Fokus standen Fracking, Windenergie, Kohlekraftwerke und der Ausbau der Hoch- und Höchstspannungsnetze. Ziel der Veranstaltung war es, eine andauernde Diskussion darüber anzustoßen, ob die neuen technischen Optionen eher geeignet sind, die Prävention von Gesundheitsschäden zu unterstützen oder ob sie zusätzliche Risiken für die Gesundheit bedeuten. Den Experten­workshop hatte die Bundesärztekammer (BÄK) zusammen mit der „Health and Environment Alliance“ (HEAL) und der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventionsmedizin (GHUP) organisiert. Die BÄK ist der größte bundesdeutsche Berufsverband von Ärzten und vertritt über 470000 Mediziner. Ihre Mitglieder stehen immer häufiger vor der Herausforderung, Rat und Empfehlungen zu Energiefragen vor Ort zu geben.

Aus dem Deutschen Ärzteblatt:

Zum Thema Fracking stellte Bernd Kirschbaum vom Umweltbundesamt (UBA) die Ergebnisse zweier aktueller Gutachten vor, die das UBA in Auftrag gegeben hatte. „Das Umweltbundesamt empfiehlt, wegen der bestehenden Wissenslücken derzeit auf eine flächendeckende kommerzielle Gewinnung von Schiefergas durch Fracking in Deutschland zu verzichten“, erklärte Kirschbaum. Zudem solle vor jeder Fracking-Operation eine Risikobewertung vorgenommen werden. Ein generelles Fracking-Verbot sei aber von den Gutachtern nicht empfohlen worden.

„Sehr kritisch betrachten wir den sogenannten Flowback, der auch bei der konven­tionellen Erdgasförderung auftritt“, betonte Kirschbaum. Bei jedem Bohrloch fördere man auch Lagerstättenwasser zutage, das unter anderem Schwermetalle, radioaktive Stoffe oder Benzol enthalten könne. Bei der Behandlung und Entsorgung dieses Lagerstätten­wassers bestehen große Defizite, da derzeit weder national noch auf europäischer Ebene ein „Stand der Technik“ festgeschrieben sei.

Der volkswirtschaftliche Nutzen des Schiefergases spiele überdies im Rahmen der Energiewende keine Rolle, so Kirschbaum. Denn weder würde es kurz- und mittelfristig den Gaspreis verändern noch die Importabhängigkeit Deutschlands, da das Gas nur langsam und schrittweise gefördert werden könne. Zudem sei mit einem Förderbeginn erst in zehn Jahren zu rechnen.

Eine ähnliche Präsentation von Bernd Kirschbaum ist hier:
http://www.bfr.bund.de/cm/343/fracking-chancen-und-risiken.pdf

 Veröffentlicht von am 21. Oktober 2014
Okt 202014
 

Protest-Demo gegen die Ölförderung vor den Kanarischen Inseln und anderswo.

Protest-Demo gegen die Ölförderung vor den Kanarischen Inseln und anderswo. Foto 20minutos.es CC-BY-SA

“Aquí vivimos, aquí decidimos. No a Reppsol” – “Hier leben wir, hier entscheiden wir: Nein zu Reppsol”: Am vergangenen Wochenende gingen auf den Kanarischen Inseln erneut – zum vierten Mal in diesem Jahr – Abertausende auf die Straßen, um gegen die Ölförderung mit und ohne Fracking vor den kanarischen Küsten zu demonstrieren. Der Schutz der Umwelt und der touristisch wertvollen Inselgruppe steht dabei an oberster Stelle. Unterstützt wird der Widerstand von der Regierung der Autonomen Gemeinschaft der Kanarischen Inseln. Deren Präsident, Paulino Rivero, war Teilnehmer einer dieser Demonstrationen. Flankiert wurde der Protest von Demonstrationen in mehreren spanischen Großstädten und in Brüssel. Unterstützung erhält der Widerstand auch von den EU-Abgeordneten der spanischen Izquierda Plural-Fraktion.

2010 hatten die spanischen Behörden den Unternehmen Erkundungslizenzen erteilt. Noch in diesem Jahr 2014, so heißt es, soll die seismische Erkundung beginnen. Neben dem touristischen Wert der Inseln wären davon 82 geschützte Gebiete direkt bedroht, darunter ein Nationalpark, vier Naturparks, fünf Meeresreservate, 30 Vogelschutzgebiete, 42 Natura 2000-Gebiete sowie von der UNESCO zu Welterbestätten oder Biosphärenreservaten erklärte Gebiete.

Am 23. November 2014 wird die kanarische Regierung darüber beraten, das Verfassungsgericht gegen die Ölaufsuchung und -förderung vor ihren Küsten anzurufen.

Petition von SAVECANARIA

an die EU, an Spanien, an Repsol, die RWE Dea und Woodwide

Nein zum Erdöl auf den Kanaren / Rettet die kanarischen Inseln

Herrn Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments
Herrn José Manuel Durao Barroso, Präsident der Europäischen Kommission
Herrn Mariano Rajoy Brey, Präsident der spanischen Regierung
Kopie: Herrn Antonio Brufau, Präsident von REPSOL. Herrn Peter Terium, Generaldirektor der RWE Dea Energie. Herrn Michael Chaney, Präsident von WOODSIDE

Sehr geehrte Herren,

ich habe erfahren, dass die spanische Regierung im März 2012 den Start von Erdölbohrungen im Atlantik in unmittelbarer Nähe der kanarischen Inseln genehmigt hat. Mir ist auch bekannt, dass das Bohrgebiet nur zehn Kilometer von Fuerteventuras bedeutendsten Stränden und 18 Kilometer vor der Küste von Lanzarote liegt – beides Inseln, die von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurden.

Die Kanaren sind eines der wichtigsten touristischen Zielgebiete weltweit, jährlich kommen mehr als 12 Millionen Besucher auf die Inseln um die Strände, die Natur, das Klima, sowie die Kultur und Gastfreundlichkeit der Bevölkerung zu geniessen.

Der Meeresboden im betroffenen Gebiet liegt mit bis zu 1.500 Metern extrem tief, und die Bohrungen können auf über 5.000 Meter hinunterreichen. Dazu kommt, dass der Meeresboden hier eine starke seismische Aktivität aufweist, was die Risiken für einige Inseln erhöht, da sie ihre Wasserversorgung zu 100% aus dem Meer beziehen. Eine Ölpest wie diejenige, die sich 2010 im Golf von Mexiko ereignete, wäre eine Katastrophe für Millionen von Menschen und für die Zukunft des Archipels. Keine der acht kanarischen Inseln bliebe im Fall eines grösseren Ölaustritts verschont.

Diese Inselgruppe beherbergt auf einer Fläche von 7.000 Quadratkilometern mehr als 19.000 Tier- und Pflanzenarten, 5.000 davon sind einzigartig auf unserem Planeten, sie leben nur hier. Weiterhin gibt es vier Nationalparks auf den Kanaren, und mehr als 47% des gesamten Territoriums wurde durch Abkommen und Gesetze der Vereinten Nationen, der Europäischen Union und des spanischen Staates unter Naturschutz gestellt; trotzdem verteidigen die spanischen Behörden und das Konsortium der Ölkonzerne REPSOL, RWE und WOODSIDE weiterhin die Ölbohrungen – ungeachtet dieser Naturschätze und in krasser Opposition sowohl zur Regierung der Kanaren als auch der Inselregierungen von Fuerteventura und Lanzarote, die dieses Projekt ablehnen.

Universitäten aus Europa und den Vereinigten Staaten, wissenschaftliche Komitees aus über 100 Ländern, die Weltnaturschutzunion, Organisationen wie Oceana, Greenpeace, WWF, Friends of Earth, Birdlife,Ben Magec/Ecologistas en Acción, SECAC, kulturelle, künstlerische und soziale Verbände sowie hunderttausende Personen stellen sich gegen dieses Projekt, weil es unvereinbar ist mit der Erhaltung der Natur und mit zukunftsorientierten Energiemodellen. Herausragende europäische Touristikunternehmen schlagen ebenfalls Alarm wegen der Erdölbohrungen aufgrund der Bedrohung, die diese darstellen für den Touristiksektor, Hauptwirtschaftszweig der Kanaren.

Alle Bewohner unseres Planeten tragen die Verantwortung, die schwerwiegenden Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen; deshalb ist es unerlässlich, durch Beispiele und konkretes Handeln den Verbrauch an fossilen Brennstoffen zu reduzieren und sie durch erneuerbare Energien zu ersetzen – und die Kanaren haben die idealen klimatischen Vorraussetzungen, um dieses Ziel zu erreichen.

Folglich bitte ich Sie um Ihr dringend notwendiges Einschreiten, um endgültig diese Umweltbedrohung zu stoppen, und um Energiemodelle zu fördern, die dem Interesse der Allgemeinheit zu Gute kommen. Projekte mit einem hohen Umweltrisiko, die lediglich multinationalen Ölkonzernen nützen, sind fehl am Platz in einer freien, demokratischen und von Vernunft geprägten Gesellschaft. Ihr Vorangehen, als herausragender Vertreter der Bürgerschaft, ist unverzichtbar, um zu zeigen dass unsere politischen Vertreter dafür arbeiten, die Rechte und Interessen der Allgemeinheit gegen den Profit eines privaten Sektors zu verteidigen.

Petition mitzeichnen

Einige Infos auf Deutsch: heute.de

Okt 182014
 

Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre (Quelle: wikimedia)

Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre (Quelle: wikimedia)

Der Erdgas-Boom durch den Einsatz von Technologien wie Fracking wird voraussichtlich nicht zu einer Verringerung der Treibhausgas-Emissionen führen. Die Verbrennung von Erdgas erzeugt im Vergleich zu Kohle zwar nur etwa die Hälfte der CO2-Emissionen pro Energieeinheit. Aber wenn Erdgas reichlich verfügbar und somit billig wird, hat dies letztlich auch einen höheren Energieverbrauch zur Folge. Die schmutzige Kohle würde durch Gas nur zum Teil ersetzt, wie eine jetzt in der Fachzeitschrift Nature erscheinende Studie zeigt. Zudem verursacht eine erhöhte Gasproduktion auch einen höheren Ausstoß des starken Treibhausgases Methan, das aus Bohrungslecks und Rohrleitungen entweichen kann, wie die Studienautoren bestätigen.

Die Erhöhung des globalen Gasangebots löst auf den Märkten also Anpassungsdynamiken aus, die den Vorteil vergleichsweise niedrigerer Emissionen wieder zunichte machen würden, wie ein internationaler Vergleich von Computersimulationen erstmals zeigt.

“Unsere Untersuchung macht klar, dass reichlich Erdgas allein uns nicht vor dem Klimawandel retten wird”, sagt der Leitautor Hawon McJeon vom Pacific Northwest National Laboratory (PNNL) des US-Energieministeriums. Vor allem in den USA haben neue technische Möglichkeiten wie das Verpressen von Flüssigkeit in Schiefergestein, um es unterirdisch aufzubrechen und Erdgas freizusetzen – auch Fracking genannt – zu einem Boom bei der Erdgasförderung geführt. “Der globale Einsatz neuer Produktionstechnologien könnte die weltweite Erdgasproduktion bis zum Jahr 2050 verdoppeln oder verdreifachen”, sagt McJeon.

“Die Hoffnung erweist sich als irrig” – Markteffekte dominieren

Dies könnte bis zur Mitte des Jahrhunderts zu bis zu zehn Prozent höheren CO2-Emissionen führen, statt den Kohlendioxid-Ausstoß insgesamt zu senken. “Das zusätzliche Angebot von Gas lässt dessen Anteil an Energie-Mix steigen, aber hierdurch wird nur eine sehr begrenzte Menge Kohle ersetzt – und es könnten auch emissionsarme erneuerbare Energien und Kernenergie ersetzt werden”, sagt Co-Autor Nico Bauer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. “Leider erweist sich die Hoffnung als irrig, dass Erdgas wegen seiner technischen Überlegenheit im Vergleich zur Kohle absehbar zu einer Verringerung der Erderwärmung beitragen kann. Das stark erhöhte Angebot von Erdgas führt zu einem Preisverfall und einer Ausweitung der gesamten Energie-Versorgung.“ Darüber hinaus verursacht eine erhöhte Gasproduktion auch einen höheren Ausstoß des starken Treibhausgases Methan, das aus Bohrungslecks und Rohrleitungen entweichen kann.

Bei den verfügbaren Gasmengen gibt es viele Unsicherheiten – die Abschätzung der weltweiten Vorkommen wurde in den letzten zehn Jahren angepasst, aber die wirtschaftlichen Auswirkungen im globalen Energiesektor sind bislang nicht umfassend erforscht worden. Fünf Forschungsgruppen aus Deutschland, den USA, Österreich, Italien und Australien haben deshalb nun berechnet, wie die Welt im Jahr 2050 mit und ohne Erdgas-Boom aussehen könnte. Sie verwendeten fünf verschiedene Simulationsmodelle, die nicht nur Produktion und Verbrauch von Energie erfassen, sondern ein breites Spektrum von Wirtschaftssektoren sowie das Klimasystem enthalten.

Technische Fortschritte können Klimapolitik nicht ersetzen

“Als wir bei unserem Modell kaum Veränderungen bei den Treibhausgasemissionen bemerkten, dachten wir zuerst, wir hätten einen Fehler gemacht, weil wir mit einer erheblichen Emissionsverminderung gerechnet hatten”, sagt der leitende Wissenschafter James ‘Jae’ Edmonds vom Joint Global Change Research Institute der PNNL. “Aber als alle fünf Modellierteams uns davon berichteten, dass sie ebenfalls kaum Unterschiede hinsichtlich des Klimawandels erkennen konnten, wussten wir, dass wir da etwas Neuem auf der Spur waren.”

Die Folgen sind weit reichend. “Die Ergebnisse zeigen, dass eine wirksame Stabilisierung des Klimas nur durch eine Bepreisung von Emissionen erreicht werden kann – und das erfordert internationale politische Zusammenarbeit und verbindliche Vereinbarungen”, erklärt Ottmar Edenhofer, Chefökonom des PIK. “Technologische Fortschritte können die Kosten der Klimapolitik reduzieren – aber sie können die Klimapolitik nicht ersetzen.”

Quelle: Pressemeldung des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung/idw

Originalpublikation:
McJeon, H., Edmonds, J., Bauer, N., Clarke, L., Fisher, B., Flannery, B.P., Hilaire, J., Krey, V., Marangoni, G., Mi, R., Riahi, K., Rogner, H., Tavoni, M.
Limited impact on decadal-scale climate change from increased use of natural gas
Nature (2014) doi:10.1038/nature13837

Received 25 April 2014. Accepted 02 September 2014. Published online 15 October 2014

 Veröffentlicht von am 18. Oktober 2014
Okt 142014
 

Hand Stop-frackingDie Korbacher Resolution gegen Fracking erhält immer mehr Unterstützung. Damit wird die Politik in Bund, Ländern und Europa aufgefordert, sämtliche Formen von Fracking zur Aufsuchung und Gewinnung von Erdgas und Erdöl zu bannen und sich mit voller Energie auf die Umsetzung der beschlossenen Energiewende zu konzentrieren. 138 Interessenverbände, Initiativee, Netzwerke und NGOs (Nichtregierungsorganisationen) verzeichnet die Unterstützerliste aktuell, 71 Parteien bzw. Politische Organisationen, 22 Unternehmen sowie 33 Kommunen bzw. Landkreise.

Jüngster Neuzugang ist der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern von Bündnis 90/Die Grünen, dessen Mitglieder am vergangenen Samstag (11. Oktober 2014) mit deutlicher Mehrheit beschlossen haben, die Korbacher Resolution zu unterstützen.

Am 25. September 2014 hat die Bezirksversammlung Bergedorf beschlossen, sich der “Korbacher Resolution” gegen Fracking anzuschließen. An dem Antrag, der von der Grünen Fraktion eingebracht worden war, hatte sich die Fraktion der Linken bereits als Co-Antragssteller beteiligt, die CDU ihn in der Abstimmung unterstützt und die SPD sich enthalten.

Am 9. September 2014, stimmte die Fraktion “die Grünen/EFA” im EU-Parlament für die Mitzeichnung der Korbacher Resolution als Unterstützer. Dieser erfreuliche Schritt sollte auch als Beispiel für den Bundesverband der Grünen in Deutschland dienen.

Vom 21. bis 23. November wird der Bundesparteitag von Bündnis 90/Die
Grünen in Hamburg tagen und, sofern die Delegierten dies wollen, einen Antrag zur generellen Ächtung von Fracking zur Aufsuchung und Gewinnung von Erdöl und Erdgas debattieren und beschließen. Wird der Antrag angenommen, dann:

  1. Lehnen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die Aufsuchung und Förderung von Erdgasvorkommen in
    nicht-konventionellen Lagerstätten strikt ab, da erhebliche Risiken für Mensch und Umwelt
    bestehen. Das zusätzliche Erschließen weiterer fossiler Kohlenwasserstoffvorkommen würde den
    weltweiten Klimawandel weiter verschärfen. Wir streben ein Verbot der Aufsuchung und
    Gewinnung dieser Vorkommen an.
  2. Unterstützen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die Korbacher Resolution der Anti-Fracking-
    Initiativen und treten für ihre Umsetzung und für die Schaffung der noch fehlenden
    Voraussetzungen ein. Da ein Import- und Exportverbot nicht durchsetzbar ist, fordern wir eine
    Gaskennzeichnung sowie die Einführung eines Herkunftsnachweissystems für Gas.
  3. Werden BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN auch auf der Ebene der Landespolitik Möglichkeiten
    erarbeiten, um mit Hilfe der Raumordnung (z. B. Landesentwicklungspläne) Ausschlussgebiete für
    Fracking zu vergrößern.
  4. Machen sich BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Kampf gegen Fracking weiterhin stark gegen die
    geplanten Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada. Diese dürfen mittels
    Investorenschutzklauseln keine Hintertür für Konzerne bieten, um Frackingverbote zu umgehen.
Okt 132014
 

In Bradford und Susquehanna County, PA, steht die Zahl der Hospitalisierungen mit der Zahl der Gasbohrungen in signifikantem Zusammenhang (Beispielgraphik)

In Bradford und Susquehanna County, PA, steht die Zahl der Hospitalisierungen mit der Zahl der Gasbohrungen in signifikantem Zusammenhang (Symbolgraphik)

Je mehr Erdgasbohrungen im Umfeld, desto höher ist das Risiko für so schwere Erkrankungen unter den Anwohnern, dass diese ins Krankenhaus gehen müssen. Das ist das Ergebnis einer weiteren epidemiologischen Untersuchung, die Forscher in Pennsylvania, USA, durchgeführt haben. Professor Trevor M. Penning, Pharmakologe und Direktor des University of Pennsylvania’s Center of Excellence in Environmental Toxicology, fasst die Ergebnisse zusammen:

Unsere Studienergebnisse deuten darauf hin, dass eine zunehmende Anzahl von Bohrungen über die Zeit signifikant mit einer zunehmenden Anzahl von Hospitalisierungen zusammenhängt.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, wurde aber am 2. Oktober schon in einem Hearing der Stadt Wilkes-Barre, PA, vorgestellt. Penning berichtete von der Auswertung von Krankenhausakten in den Bezirken Bradford und Susquehanna. Die Daten wurden mit der Zunahme von Bohrungen in diesen Gebieten verglichen. Daten zu Krankenhausaufenthalten aus Wayne County, wo keine Gasförderung stattfindet, dienten als Vergleichsgruppe. Zu den beobachteten, einzelnen Erkrankungstypen wollte Penning noch keine Aussage mache, da sich die Veröffentlichung noch im Peer-Review-Prozess befindet. Anschließend werden die Ergebnisse öffentlich gemacht, sagte Penning.

Die Ärztin Dr. Ruth McDermott-Levy, Direktorin des Center for Global and Public Health at the Villanova University College of Nursing, erklärte bei dem Hearing, dass bestimmte Schadstoffe mit bestimmten Erkrankungen verbunden sind. Sie betonte, dass Ärzte die chemische Zusammensetzung der Flüssigkeiten erfahren müssen, die beim Niederbringen von Bohrungen und beim Fracking eingesetzt werden.

In der Vergangenheit hat es schon mehrere wissenschaftliche Untersuchungen gegeben, die dem Verdacht nachgegangen sind, dass die Öl- und Gasgewinnung – mit oder ohne Fracking – negative Folgen für die menschliche Gesundheit hat. 250 Angehörige von Heilberufen hatten unlängst ein Kompedium der bisher verfügbaren medizinisch-wissenschaftlichen Befunde zusammengetragen, die die Risiken und tatsächlich eingetretene Gesundheitsschäden durch Fracking und das Gasbohren betreffen.

Auch die “Botheler Krebsstudie”, die eine um 100 % erhöhte Leukämie- bzw. Lymphomrate bei Männern auf dem Gebiet der Samtgemeinde Bothel, Landkreis Rotenburg/Wümme, ans Licht brachte, lässt den Verdacht aufkommen, dass diese Krebsraten mit der Erdgasproduktion zusammenhängen könnten. Funde von Umweltgiften in der jüngeren Vergangenheit, wie Quecksilber und Benzol, nähren diesen Verdacht. Um dem auf den Grund zu gehen, hat der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel bei seinem heutigen Besuch in Rotenburg laut dpa ein 4- bis 5-jähriges Untersuchungsprgramm in Aussicht gestellt, bei dem die Umweltbelastung durch rund 400 Erdgasförderplätze unter die Lupe genommen werden soll. Ob der Minister eine Erklärung dafür hat, warum erst eine gravierende Erhöhung von Krankheitsfällen festgestellt werden musste, bevor ein rigides Untersuchungsschema geplant wird, ist nicht bekannt. Die Bundesregierung jedenfalls kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass von den Gasförderplätzen irgendeine Gefahr für Mensch und Umwelt ausgehen könnte.