Sep 302014
 

Antwort auf den Kommentar von Stefan Sauer “Fracking: Fracking ist nicht gleich Fracking”, Frankfurter Rundschau, 27.09.2014

Straßenschild "Irrweg", Marmsdorf

Fracking in näherer Zukunft für eine Option zu halten, ist ein Irrweg

Lieber Kollege Sauer,

mit großem Interesse habe ich Ihre formallogisch stringenten Überlegungen zum „Fracking ist nicht gleich Fracking“ in der FR online vom letzten Sonnabend gelesen. Sie fordern darin, Nutzen und Risiko von Fracking zu prüfen und es ggf. erst dann abzulehnen. Keine Frage: Etwas Neues von vornherein zu verdammen und abzulehnen, ohne zu wissen, was dahintersteckt, ist irrational, unwissenschaftlich und zeugt möglicherweise von Angst oder anderen negativen Gefühlen, auf deren Grundlage keine vernünftige Debatte möglich ist.

Ihr Hinweis „Fracking ist nicht gleich Fracking“ ist goldrichtig und auch nötig, denn sowohl von Befürworter- als auch von Ablehnerseite wird der Begriff “Fracking” nur allzuoft undifferenziert gebraucht. Fracking ist nicht gleich Fracking, weil die technische Weiterentwicklung, die die Methode des hydraulischen Aufreißens von Gesteinen seit ihrer Einführung im Jahr 1949 genommen hat, enorm ist. Mit der anfänglichen „Stimulation“ weniger Meter um ein vertikales Bohrloch herum hat das heute eingesetzte, hydraulische Frakturieren in Horizontalbohrungen nur noch das Prinzip der Risserzeugung gemein. Alle anderen Parameter sind mittlerweile um Potenzen extremer – der eingesetzte Druck (bis zu 1600 bar), der Wasserverbrauch (bis über 1000 Kubikmeter pro Frack), die Risslängen (bis zu mehreren Hundert Metern), das frakturierte Gebirgsvolumen (z. B. in Saal, Vorpommern (Bohrung Barth 11) rechnerisch rund 180 Tausend Kubikmeter bei 70 Metern Risshalblänge und 10 Fracks im Abstand von rund 100 Metern), die Mengen an mitgeförderter „Chemie aus der Erde“ (Lagerstättenwasser), die ausgestoßene Menge von Treibhausgasen wie CO2 und Methan etc.

Ihre Schlussfolgerung „Es bedarf einer gründlichen Prüfung, um Nutzen und Risiken abzuwägen.“ ist logisch konsequent und entspricht der erforderlichen, wissenschaftlich objektiven Herangehensweise an neue Fragestellungen.

Ihr Fazit „Ablehnen kann man Fracking dann immer noch.“ kann ich allerdings nicht unterschreiben. Einfach deshalb, weil eine gründliche Prüfung schon lange stattgefunden hat und eine Nutzen-Risiko/Schaden-Abwägung längst erfolgt ist.

In der Kritik steht aktuell die „moderne“ Form des Fracking, besser bekannt unter der Bezeichnung high volume hydraulic fracturing – Fracking mit großen Mengen an Wasser und Sand und mehr oder weniger großen Mengen an chemischen Zusätzen, durchgeführt zumeist in Horizontalbohrungen. Sie wird nicht nur in den USA und nicht nur in Schiefer angewandt, sondern, beginnend Mitte der 1990er-Jahre, auch in Deutschland, und zwar überwiegend in Sandstein, in sogenannten tight-Gaslagerstätten. Das Pilotprojekt in Deutschland dafür war ExxonMobils Bohrung „Söhlingen Z10“ im Jahr 1995. Mithin gibt es nicht nur aus Amerika, sondern auch schon aus dem eigenen Land ausreichend Erfahrungen für eine fundierte Analyse.

Die wirtschafts- und klimapolitische Prüfung hat ergeben, dass u. a. der immense Wasser- und Flächenverbrauch sowie der nicht unerhebliche Ausstoß von Klimagasen in keinem günstigen Verhältnis zum Nutzen des Fracking steht. Erdgas, das in Deutschland mit Fracking bisher gewonnen wurde und zukünftig theoretisch gewinnbar ist, kann nur einen winzigen Beitrag zum Primärenergiemix liefern, nämlich 2 bis 3 Prozent. Übertragen auf den Endverbrauch in Deutschland würde der Anteil von gefracktem Erdgas aus Deutschland sogar nur rund 0,6666 Prozent ausmachen. Neue Arbeitsplätze würden in Deutschland nur wenige geschaffen – es sei denn, Sie zählen die indirekten Arbeitsplätze dazu, beispielsweise in Hotels, Pensionen oder auch Prostituierte, oder jene Arbeitsplätze, die aufgrund von erwartbaren Langzeitfolgen entstehen müssten, vor allem im Gesundheitswesen .
Auch aus finanzwirtschaftlicher Sicht wäre die baldige Ausbeutung von Gas und Öl durch Fracking Unsinn. Diese Ressourcen liegen jetzt noch auf der Haben-Seite auf dem Konto Deutschlands und werden an Wert gewinnen, wenn sie da zunächst einmal liegen bleiben. Sie jetzt ohne Not zu fördern und zu verpulvern, würde bedeuten, Deutschland ärmer als nötig zu machen.

Die technische Prüfung hat ergeben, dass der Einsatz der Fracking-Methode jetzt schon bei Weitem nicht so folgenlos ist, wie behauptet. In Deutschland werde seit 1961 gefrackt und nie sei ein Umweltschaden zu beobachten gewesen, heißt es sowohl von Industrie- als auch von Behördenseite. Dabei ist klar: Wenn nicht beobachtet (monitoriert und dokumentiert) wird, dann sind eingetretene Schäden auch nicht zu verzeichnen. Wenn Sie einmal die Liste der Störfälle anschauen möchten, sehen Sie dort auch Schäden, die im Zusammenhang mit Fracking eingetreten sind. Erst seit Kurzem gibt es, auf Drängen besorgter Bürger, punktuell erste Untersuchungen möglicher Auswirkungen der Erdgasförderung auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit. Langsam erhärtet sich der Verdacht, dass in Deutschland genau wie in Nordamerika Umwelt und Gesundheit massiv beeinträchtigt werden. In Nordamerika gibt es mittlerweile unumstößliche, wissenschaftlich belegte negative Folgen für Wasser, Boden, Luft und Gesundheit; in Deutschland noch nicht, weil hier die Forschung eben erst anfängt.
Technische Weiterentwicklungen, die Umweltbelastungen begrenzen oder gar beseitigen könnten, sind bisher eher nicht bekannt. ExxonMobils jüngste Errungenschaft – ein Fluid zum Fracken von Schiefergaslagerstätten mit nur noch zwei, etwas weniger bedenklichen Chemikalien – erinnert an die Ringelnatz’schen Ameisen, die von Altona nach Australien auswandern wollten: Aber auf der Elbchaussee / taten ihnen die Füße weh. Ungiftige Frackfluide können die verbleibenden Probleme nicht lösen. Die unbeherrschbaren Probleme, die das massenhafte Herumstochern in der und hektoliterweise Injizieren von Flüssigkeiten in die und Aussaugen von Kohlenwasserstoffen aus der Erdkruste mit sich bringt, sind nicht einmal ansatzweise kontrollierbar.

Ich nehme an, wir sind uns einig, dass wir unter Fracking nicht nur den eigentlichen Frackvorgang verstehen, sondern die gesamte Prozesskette inklusive der notwendigen Infrastruktur für Fracking und seine kurz-, mittel- und langfristigen Folgen meinen. Der erhebliche Verbrauch von Wasser, das für die Trinkwasserversorgung und die Landwirtschaft gebraucht wird; die Verwüstung ganzer Landstriche durch neue Straßen, Betriebsplätze und Pipelines; der erhebliche Eintrag von Klimagasen in die ohnehin schon aufgeheizte Atmosphäre; der riesige Anfall von flüssigem Sondermüll, für den es bis heute keine andere Entsorgungspraxis als die unterirdische Verklappung mit all ihren Gefahren für das Grundwasser gibt; zunehmende Beeinträchtigung der Volksgesundheit mit den damit verbundenen Kosten (abgesehen von dem unermesslichen Leid, die Krankheiten und verfrühter Tod über die betroffenen Menschen bringen) – all dies sind Aspekte, die in die Abwägung mit einfließen müssen.

Der Nutzen von gefrackten Produkten für die Gemeinschaft – und damit meine ich nicht die Konzerne und ihre politischen Adlaten! – kann die Gefahren, Gefährdungen und Risiken von Fracking in seinem heutigen Entwicklungsstand nicht aufwiegen. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, braucht man nicht von Angst getrieben zu sein. Dazu reicht kühles Kalkulieren. Nichts anderes tun die Fachleute im Widerstand gegen Fracking, denen aus dem pro-Fracking-Lager von „namhaften“ Geologen „Urängste“ und Unwissenschaftlichkeit unterstellt werden und denen z. B. der Energieexperte Steffen Bukold „beeindruckenden Sachverstand“ bescheinigt.

Wenn sich irgendwann, in naher oder ferner Zukunft, tatsächlich eine Notwendigkeit zeigen sollte, dass die Menschheit auf dieses schwer erreichbare Gas oder Öl zurückgreifen muss, und wenn die technischen Möglichkeiten es dann erlauben, diese Bodenschätze ohne nennenswerte Gefährdung von Umwelt und Gesundheit zu heben, dann kann in der Tat neu über Fracking nachgedacht werden. Heute aber hat Fracking nach Öl oder Gas überhaupt keinen Sinn – jedenfalls nicht für die Gemeinschaft der Menschen, die hier leben – und ist daher nichts als grober Unfug.

Schöne Grüße
Carin Schomann, Freie Journalistin und aktiv im Widerstand gegen Fracking

Sep 302014
 

 

Programmhinweis. Donnerstag 02.10.2014 um 21.45 Uhr

Nach den letzten gezielten Berichten des Politmagazins #Panorama und den teilweise zeitgleich erfolgten Propaganda Anzeigen von ExxonMobil berichten auch manche Politiker der Regierungskoalition in Berlin davon, dass Fracking für Deutschland in der Zukunft unbedingt notwendig ist. Diese These unterstützen manche Gutachter der Bundesregierung. Doch sind diese Experten wirklich neutral und wem nützt Fracking in Deutschland? Darüber berichtet Monitor am Donnerstag 02.10.2014 um 21.45 Uhr. monitor

Sep 292014
 
“End fracking now / let’s save the water / and build a life for our sons and daughters.”

ZamaCity_Spill__whos_gonna_stand_up“Who’s gonna stand up and save the world” – Wer steht auf und rettet die Welt, so lautet der Refrain in Neil Youngs neuem Stück “Stand Up and Fight”. Young schrieb dieses Stück als Hymne für die Klimabewegung.

Young steht so sehr hinter diesem Song, dass er drei ganz unterschiedliche Versionen davon herausgebracht hat. Die Crazy-Horse-Version, die zu hören ist, wenn man das Bild anklickt, wurde am 26.09.2014 in Liverpool live aufgenommen. Weiter gibt es eine Solo-Acoustic-Version und eine grandiose Orchesterversion mit 92 Instrumenten und Chor, die in diesem Beitrag im Rolling Stone verlinkt ist.
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Text:

Protect the wild, tomorrow’s child
Protect the land from the greed of man
Take down the dams, stand up to oil
Protect the plants, and renew the soil

Who’s gonna stand up and save the earth?
Who’s gonna say that she’s had enough?
Who’s gonna take on the big machine?
Who’s gonna stand up and save the earth?
This all starts with you and me

Damn the dams, save the rivers
Starve the takers and feed the givers
Build a dream, save the world
We’re the people know as earth

Who’s gonna stand up and save the earth?
Who’s gonna say that she’s had enough?
Who’s gonna take on the big machine?
Who’s gonna stand up and save the earth?
This all starts with you and me

Ban fossil fuel, draw the line
Before we build, one more pipeline
Ban fracking now, save the waters
And build a life, for our sons and daughters

Who’s gonna stand up and save the earth?
Who’s gonna say that she’s had enough?
Who’s gonna take on the big machine?
Who’s gonna stand up and save the earth?
This all starts with you and me

Who’s gonna stand up
Who’s gonna stand up
Who’s gonna stand up
Who’s gonna stand up
Who’s gonna stand up

 Veröffentlicht von am 29. September 2014
Sep 282014
 

fracking_cameron

Zuständige Minister weisen über 40.000 Einwendungen gegen die Gesetzesänderung zurück

Ab jetzt kann Fracking auch unter den Wohnhäusern von Briten stattfinden, ohne dass die Hausbesitzer ihr Einverständnis abgeben müssen. Dies berichtete am Freitag The Guardian. Die britische Regierung argumentierte, dass die vorige Befugnis von Grundbesitzern, Fracking unter ihrem Eigentum zu untersagen, für die Frack-Unternehmen zu signifikanten Verzögerungen bei den Zulassungsverfahren führen würde und dass das Rechtsverfahren, mit dem die Unternehmen Zulassungen erzwingen können, kostspielig, zeitraubend und unverhältnismäßig sei.

Insgesamt 40.647 Stellungnahmen zu der geplanten Gesetzesänderung waren aus der britischen Bevölkerung gekommen. Die Gesetzesänderung soll den Öl- und Gasunternehmen Zutritt zum Untergrund unter Privatgrundstücken ohne Einwilligung des Eigentümers geben. 99 Prozent der Einwender sprachen sich gegen die Gesetzesänderung aus. Die 28.821 Einwendungen, die via NGOs gesammelt wurden, weggelassen, blieben immer noch 92 Prozent, die die Gesetzesänderung ablehnten.

England, eine konstitutionelle Monarchie im Mäntelchen der Demokratie, regiert von der Plutokratie.

 Veröffentlicht von am 28. September 2014
Sep 262014
 

XOM_germany_adcampaignDann und wann mal eine Doppelseite im Spiegel, mal eine WEG-Lobhudelbroschüre über “umweltschonende Erdgasförderung”, Landtagsabgeordneten ungebeten in die Postfächer gelegt, oder auch mal eine solitäre Plakataktion eines blau-gelben Tochterunternehmens der ex-IG Farben in Kassel: Die kleinen Versuche der Erdgasindustrie in den vergangenen eineinhalb Jahren, öffentliche Meinung und Politik für das Fracking zu gewinnen, sind allesamt kläglich fehlgeschlagen: Die öffentliche Ablehnung von Fracking als Extremisierung der Erdgasgewinnung ist weiter angewachsen, es gibt nur wenige Politiker, die offen für Fracking eintreten, und die Bundesregierung hat bislang davon abgesehen, Fracking-Gesetze zu bringen, die die Konzerne zufriedenstellen würden.

Dann werden also andere Saiten aufgezogen! Nachdem in den letzten Wochen in den Medien das pro-Fracking-Rauschen deutlich zugenommen hat, tritt jetzt der größte Player im deutschen Fracking-Geschäft selbst auf den Plan der öffentlichen Kommmunikation. Ohne Kosten zu scheuen, ließ der globale Konzern ExxonMobil diese Woche ein Mailing – Tausende von persönlichen, postalisch zugestellten Briefen – an Parlamentarier sowie an bekannte Vertreter von Initiativen und Verbänden der anti-Fracking-Bewegung versenden. In einem anbiedernden, schon übergriffig zu nennenden Tonfall werden die Angesprochenen unter anderem darüber informiert, dass sie mit Exxon reden müssen. Als wären Exxon und die Angeschriebenen ein Ehepaar in einer Krise, heißt es gleich im Betreff: “Lassen Sie uns über Fracking reden”.

Für den nächsten step hat Exxon ein weiteres, nicht unerhebliches Investment getätigt und seinen Fraternisierungsbrief am Donnerstag (25.09.14) in vielen größeren und großen Tageszeitungen als 1/3-Seiten-Anzeige geschaltet.

Nicht nur im Tonfall, auch inhaltlich ist der kurzgehaltene Brief eine beabsichtigte Provokation mit mehreren kalkulierten Effekten: Zum einen dürften unbedarfte Leserinnen und Leser mit so einer aalglatten Rede leicht übertölpelt werden – immerhin lautet die frohe Botschaft ja: Exxon ist ein guter Nachbar, Exxon kann jetzt ohne giftige Stoffe im Schiefer fracken, Exxon ist gut für Deutschland. Familie Berger, ein Relikt aus obrigkeitsseligen Zeiten, mag das glauben und sich beruhigt wieder hinlegen.

Die informierte Öffentlichkeit, allen voran die Menschen im anti-Fracking-Widerstand, sollen sich in hohem Maße provoziert fühlen, die saubere Fassade der sauberen Firma Exxon wütend herunterzureißen und die präsentierte Halbwahrheit zu enttarnen. Wut ist Emotion und Emotion macht unglaubwürdig – neben Irreführung mit Halb- und Unwahrheiten ist Emotionalisierung die kalkulierte Wirkung dieser Marketingmaßnahme: Destabilisierung des Fracking-Widerstands als Return on Investment.

Eine dritte intendierte Wirkung des jovialen Briefes ist die direkte Wirkung des Gesagten, nämlich, dass Menschen die Aufforderung zu reden tatsächlich als Dialogangebot auffassen und bei der angegebenen Exxon-Telefonnummer anrufen. Dort treffen sie auf rhetorisch geschulte Mitarbeiter und Dienstleister, die ihnen gern was vom Fracking-Pferd erzählen.

PR-Kampagne nach alt”bewährtem” Strickmuster

Der Feldzug der Gaslobby, der sich hier entfaltet, entwickelt sich nach altbekannten Muster und ruft Erinnerungen an die Kampagne der Atomlobby kurz vor Fukushima wach (erstklassige Zusammenfassung von Jacob Jung). Auch damals, 2008 und 2009, ging es um die Eroberung und Formung der öffentlichen Meinung, um die Akzeptanzsteigerung für eine gefährlichen Energie, nämlich der Atomkraft. Mit Hilfe der Düsseldorfer Lobbyagentur Deekeling Arndt Advisors und einem Werbeetat von vielen Millionen Euro überrollte die Atomindustrie die deutsche Medienlandschaft und die öffentlichen und politischen Meinungsbildner.

Als Urmutter derart angelegter Verdummungskampagnen kann die Werbekampagne der US-Tabaklobby in den 1950er-Jahren gelten. Mit der propagandistischen Expertise der Werbeagentur Hill&Knowlton wurde damals suggeriert, dass Tabakrauchen nicht gesundheitsschädlich sei. Eine brilliante Kurzdokumentation dazu hat Josh Fox mit “The Sky is Pink” vorgelegt.

Wie aus dem Lehrbuch der Werbepropaganda: Der “Wir-müssen-reden”-Brief

ExxonMobil, 25. September 2014

Lassen Sie uns über Fracking reden.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Deutschland hat sich für die Energiewende entschieden. Dafür braucht unser Land verlässlich und ausreichend Erdgas. Die gute Nachricht ist: Deutschland hat noch für viele Jahrzehnte eigenes Erdgas – insbesondere das heimische Schiefergas.

Wir von ExxonMobil wollen die Energiewende unterstützen und scheuen dabei keine unkonventionellen Wege. Wir möchten in Deutschland für Schiefergas mit höchsten Umweltstandards, moderner Technologie und unter Beteiligung der kritischen Öffentlichkeit neue Maßstäbe setzen – mit Fracking, aber giftfrei.

Es ist uns gelungen, eine Kernforderung aus Öffentlichkeit und Politik zu erfüllen: Es werden nur noch zwei ungiftige und zudem biologisch leicht abbaubare Zusätze zum Einsatz kommen. Schiefergas hat darüber hinaus weitere Vorteile: Der Flächenbedarf ist gering, was gerade in einem dichtbesiedelten Land von zentraler Bedeutung ist. Und schließlich wird kein salziges Wasser aus dem Untergrund mitgefördert, das entsorgt werden muss.

Wir laden Sie ein, uns dabei kritisch zu begleiten. Sprechen Sie uns gerne an.

Gernot Kalkoffen
Vorstandsvorsitzender

Industrie beansprucht Deutungshoheit

Dass Deutschland für die Energiewende Erdgas, insbesondere Schiefergas braucht, ist eine unbegründete, weil unbegründbare Behauptung. Was Exxons 1. Mann im deutschen Haus, Gernot Kalkoffen, der gleichzeitig Vereinsvorsitzender des Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung e. V. (WEG) und Mitglied im Kuratorium des geologischen Bundesamtes ist, tunlichst nicht sagt: Deutsches Schiefergas kann, selbst wenn die geschätzten Ressourcen gewonnen werden könnten, nur einen verschwindend geringen Beitrag zum Energiedargebot bringen. Sowohl die KfW als auch ZEW und SRU kamen bereits 2013 zu dem klaren Ergebnis, dass Fracking keinen maßgeblichen Beitrag zur Energiewende leisten kann und daher energiepolitisch nicht notwendig ist. Wenn die WEG-Unternehmen von Gewinnung reden, kann es ihnen also nur um die Gewinnung von Profiten gehen.

Wovon die Sprecher der Gasindustrie ebenfalls lieber nichts sagen, sind die Umwelt- und die Gesundheitsschäden, die die Extrem-Erdgasfördering (vulgo: Fracking) unweigerlich mit sich bringt. Diese wissenschaftlich fundierte Erkenntnis ist mittlerweile unumstößlich erwiesen und bildet sich zunehmend in der wissenschaftlichen Literatur ab.

Der BBU, Dachverband zahlreicher Initiativen für den Umweltschutz, auch gegen Fracking, entlarvt Exxons durchsichtigen Plan denn auch messerscharf als unsachlich und irreführend: “Zu den Irreführungen gehört, dass Exxon Mobil seine Fracking-Pläne im Schiefergas als Beitrag zur Energiewende verkaufen will, um Sympathien zu erringen. In realistischen Prognosen kann die deutsche Schiefergasproduktion jedoch lediglich 2 – 3% zum Energieverbrauch Deutschlands beitragen. Im Vergleich dazu legten die Erneuerbaren Energien jährlich um 0,8% zu. Bei einem kontinuierlichen Ausbau der Erneuerbaren Energien, dem Kernpunkt der Energiewende, ist die Förderung des fossilen Energieträgers Schiefergas daher überflüssig und kontraprodukitv.”

David Widmayer, Aktivist im AK Fracking Braunschweig Land, meint in seiner Reaktion auf Exxons “Wir müssen reden”-Brief folgerichtig: “Ihre Hochglanzprospekte über die “Freude an Fracking” entpuppen sich als eine bestenfalls unvollständige Darstellung des Themas. Es gibt jedoch viele kritisch denkende Menschen, die auch vom Fach sind, welche die von Exxon und Co. präsentierte bunte, heile Welt des Frackings durchschauen. Ich finde es echt schade, dass Exxon und Co ihre enormen Gewinne nicht einsetzen wollen, um Energieeffizienz und -effektivität zu fördern und um klimaneutrale, umweltfreundliche und nachhaltige Energiesysteme zu entwickeln. Am Ende werden wir leider feststellen, dass wir ohne Erdgas und Erdöl leben können aber nicht ohne sauberes Wasser.”

Kochrezept für erfolgreiches Lobbying

Schon lange ist gerade in Deutschland die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz von Fracking eine Nuss, die die globale Fracking-Lobby zu knacken versucht. Bereits Mitte letzten Jahres wurde wissenschaftlich festgestellt, dass Fracking ein Akzeptanzproblem hat. Akademische Forschungsprojekte wurden aufgelegt, online-Umfragen wirtschaftsnaher Institute installiert, auch eine Heerschar von Kommunikations- und Sozialforschern machten der anti-Fracking-Aktivisten Avancen, um in Interviews die “Beweggründe für die Ablehnung des Fracking” herauszufinden.

Und dann auch noch das deutsche Bundesberggesetz und die deutschen Umweltgesetze! Zwar verbieten sie Fracking nirgendwo explizit, doch setzen sie derart hohe Umweltstandards zum Schutz von Gewässern, Boden, Luft und menschlicher Gesundheit, dass es de facto einen Fracking-Stopp seit 2011 gibt. Und die Bundesregierung schafft es seit zwei Legislaturperioden nicht, Fracking rechtssicher zu erlauben. Leerzeiten kosten Geld, der shareholder value sinkt und die Anleger sitzen der Industrie im Nacken. Da wird das Kochbuch für erfolgreiches Lobbying gezückt und das Rezept geht so:

Die Wahrheit über Lobby-Arbeit: 10 Methoden für die Groß-Industrie, um Regierungen zu kontrollieren

(in Anlehnung an The Guardian)

1. Bodenkontrolle
Lobbyisten sind erfolgreich, wenn sie die Vorgaben in der Debatte machen und die Diskussionen von Themen wegsteuern können, bei denen sie verlieren werden, und hinsteuern zu Themen, bei denen sie gewinnen können (hier z. B. wegsteuern von Lagerstättenwasser, Erdbeben, Klimaerwärmung, energiepolitischer Nutzlosigkeit von Erdgas etc. und hinsteuern zu “ungiftiger” Frack-Flüssigkeit).

2. Kluger Einsatz der Medien
Der Trick besteht darin zu wissen, wann man die Medien benutzt und wann nicht (hier z. B. bloß nicht das Krebsthema in Bothel groß besprechen lassen und lieber panorama einspannen, um das Lied der Lobby zu singen).

3. Eine Gefolgschaft aufbauen
Eine kritische Masse an Stimmen, z. B. von “namhaften” Experten, wird gebraucht. Dies kann konstruiert werden.

4. Glaubwürdigkeit einkaufen
Industrieunternehmen gehören zu den am wenigsten glaubwürdigen Informationsgebern für die Öffentlichkeit. Daher brauchen die Unternehmen authentische, scheinbar unabhängige Fürsprecher für ihre Botschaften (hier z. B. eine Riege “maßgeblicher” Geologen aus Forschungseinrichtungen und öffentlicher Verwaltung mit ihrem Lamento, dass ihr “Wissensschatz” vom Gesetzgeber nicht ausreichend gewürdigt werde).

5. Einen Thinktank sponsorn (hier z. B. den Neutralen Expertenkreis der Fracking-Risikostudie)

6. Mit den Kritikern in Dialog treten
auch bekannt als Versuch der “Strategischen Einbindung” (hier z. B. der “Wir-müssen-reden”-Brief von Exxon und die zum Dialog Bereiten aus der Position des Überlegenen heraus einwickeln)

7. Die Gegnerschaft neutralisieren
z. B. Diskreditierung durch skrupellose Falschbehauptung von Uninformiertheit, Unsachlichkeit, Emotionalität (“Urangst”)

8. Das Web kontrollieren
Ulrike Schopp und ihre Adlaten üben noch…

9. Mal auf die Lobbygänge gehen … übrigens: Zugang zu Politikern kann gekauft werden

10. Und nicht zu vergessen: Regierungsentscheidungen könnten später mal Arbeitsplätze schaffen
(Nun gut, dieses Argument zieht vielleicht nicht beim Gasbohren, wo die Bohrungen die meiste Zeit ihres Produktivlebens allein vor sich hinwerkeln. Oder sollten hier die indirekten Arbeitsplätze gemeint sein? Hotelgewerbe und Prostituierte für die Bohrtrupps zum Beispiel oder Arbeitsplätze im Gesundheitswesen, insbesondere im Hinblick auf mögliche Spätfolgen durch Wasser- und Luftkontaminationen?)

Schützenhilfe von Freunden

Konträre Lehrmeinungen sind in der Wissenschaft nicht nur üblich, sondern nötig, sonst gäbe es keinen Fortschritt. Widersprüchliche Auffassungen sind auch in geologischen und ingenieurstechnischen Fachfragen bezüglich der Erdgasaufsuchung und -gewinnung ganz normal und haben ihre Berechtigung. Es gibt allerdings auch in Deutschland hochrangige Geologen in Forschungseinrichtungen, Ämtern und Behörden, die keinen Hehl aus ihrer nicht-neutralen Sicht und ihrer pro-Fracking-Überzeugung machen. Zeitgleich mit Exxons Kampagnenauftakt und am selben Tag, an dem panorama bei seiner einseitigen pro-Fracking-Berichterstattung nachlegt, melden sie sich jetzt mit einer “Kopenhagener Erklärung” zu Wort und beklagen sich, dass die Politik ihren Sachverstand “mehr oder weniger” ignoriere.

Das Qualitätsmedium NDR, panorama-Redaktion, springt den angeblich ignorierten Geologen sogleich zur Seite und gibt ihnen eine Plattform. Der “wichtigste Geologe der Bundesregierung” (Zitat panorama), Professor Kümpel, Präses der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe ist panorama genau der Richtige für das Signal an die Regierung, beim Fracking bittschön nicht so zimperlich zu sein. Kümpel, der Star-Geologe, dessen Behörde auch schon mit Fachwissen glänzte, als der Atommüll in die Asse abgekippt wurde. Kümpel, der Rohstoffdiplomat, der mit Philipp Rösler 2012 die DERA ins Leben rief und seitdem als interessenneutraler Wirtschaftsberater auf internationalem Feld Rohstoffsicherung für Deutschland betreibt.

Der smarte Professor, der gern weiter und mehr fracken will, bekommt auch vom blau-gelben Tochterunternehmen der ex-IG Farben und Bettgenossen des Russen – Wintershall – Zuspruch und Trost. Der Urangst, die Kümpel den Fracking-Gegnern unermüdlich andichten will, setzt Wintershall noch eins drauf und sieht schon drohende “negative gesellschaftspolitische Folgen” am Horizont aufziehen, die die störrischen Protestbürger sich zuschulden machen würden, sollte es nun nicht wirklich gleich losgehen können mit dem Fracking.

Dass “irgendwelche Gruppen” viel zu lange die öffentliche Meinung gegen Fracking aufgewiegelt haben und dass die Wissenschaft sich “viel zu lange vornehm zurückgehalten” habe und die Politik viel zu viel auf die öffentliche Meinung gebe, lässt panorama dann noch Horst Rüter sagen. Rüter ist Geologe, Manager in mehreren Ölindustrie assoziierten Unternehmen und Träger des Schlumberger Award 2005 und somit völlig frei von jeglichen Interessenkonflikten. Dieser Mann muss es wissen: Protestbürger also seien Schuld daran, dass die vornehmsten Geologen Deutschlands bei der Regierung kein Gehör fänden. Dass politische Entscheider, gewählte Volksvertreter zuallererst auf das Volk zu hören haben, das sie vertreten, scheint diesem feinen Herrn, aber auch den panorama-Machern völlig entfallen zu sein, als sie bei Exxon, BGR & Co. recherchierten.

Berliner Unschuld

Während draußen die PR-Schlacht tobt, sitzt die Regierung an der schwierigen Aufgabe, Fracking gesetzgeberisch zu regeln und dabei das Versprechen nicht zu brechen, das im Koalitionsvertrag gegeben wurde: “Trinkwasser und Gesundheit haben für uns absoluten Vorrang.”

In Berlin tagte am Mittwoch der Ausschuss der Bundesregierung für Wirtschaft und Energie. Aus dem
Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit zum Einsatz der Fracking-Technologie geht hervor, dass es Bestrebungen zu weiteren Zugeständnissen an die Industrie gibt, die noch über das “Eckpunkte-Papier” hinausgehen. Insbesondere wird an der Unantastbarkeit von Natura-2000-Gebieten gekratzt: Dort soll das Fracking in Schiefer- und Kohleflözgestein als auch die untertägige Einbringung von Lagestättenwasser von solchen Fracking-Maßnahmen verboten werden, nicht aber das mindestens genauso gefährliche Fracking in Tight-Gas-Lagerstätten und die Ablagerung (Verpressung) des flüssigen Sondermülls aus dieser Förderung.

Ende September/Anfang Oktober sollen die Fracking-Gesetzentwürfe in die Verbändebeteiligung gehen. Ob die Industriekampagne bis dahin bei der Politik noch mehr als jetzt schon bewirkt haben wird, zeigt sich dann. Ob die Expertise, die die zweite Lobby in diesem Geschehen – die anti-Fracking-Lobby, die immerhin schon dazu geführt hat, dass Fracking nicht mehr wie in den Jahren zuvor “einfach so gemacht wird” -, ob diese Expertise in den kommenden Wochen Gehör bekommt, wird sich ebenso zeigen. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine pro-Fracking-Gesetzgebung wenn nicht verhindert, so doch verzögert würde.

Aktualisiert am 28.09.2014